Bamberg – Weltkultur, Bier und Kalorienbomben

Wasser, Hopfen und Malz – mehr kommt nicht in ein bayerisches Bier! Und doch zaubern fränkische Brauer völlig verschiedene Geschmackserlebnisse. Unterwegs in Bamberg, der Bierhauptstadt der Welt.

Bamberg – Weltkultur, Bier und Kalorienbomben

«Pils oder Lager?», fragt die Bedienung, als ob es keine Alternative gäbe. Etwas Alkoholfreies? Absurde Idee: Bamberg in Oberfranken, Nordbayern, ist das Zentrum des Bier-Universums – weltweit. In der oberfränkischen 70’000 Seelen Stadt gibt es neun Privat-Brauereien; im gesamten Verwaltungsbezirk sind es mehr als 200. Das macht eine Brauerei auf 5000 Einwohner – Weltrekord! Oberfranken hat mit Abstand die höchste Brauereidichte des Planeten. Die Region ist also der perfekte Ort, um tief in eine traditionelle Bier- und Genusskultur einzutauchen, die an vielen Orten schon verschwunden ist.

Ich sitze in der Brauereigaststätte Fässla, vor mir ein «Seidla» Bier (einen halben Liter, darunter geht hier nichts) und ein «Schäufala» – eine gebratene Schweineschulter, deren Fettkruste saftig auf der Zunge knackt. Die Kombination ist eine Kalorienbombe, die jeden Diätfanatiker oder Fasten-Yogi in die Flucht schlägt. Mir schmeckt es herrlich! Oberfranken ist eine Region für Lebemänner und -frauen, die sich Zeit nehmen zum Geniessen, zum Schlemmen und wer möchte: zum Pfunde anfuttern. «Willkommen in der Genussregion Oberfranken», heisst der offizielle Slogan. Passt. Während Münchens weltbekannte Bierkultur hunderttausende Besucher anlockt, träumen Bamberg und sein Umland noch still unter einer Malzwolke vor sich hin.

Foto: Shutterstock

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Doch nicht nur Gourmets finden hier ihr Glück: Bamberg besitzt eines der schönsten Stadtbilder Deutschlands. Die Mischung aus mittelalterlichen Riegelhäusern und barocken Glanzbauten ist so einmalig, das die Unesco das Altstadtensemble zum Weltkulturerbe erhob. Ein weiterer Grund für die Auszeichnung war die aussergewöhnliche Dreiteilung der Stadt. Das hügelige Bamberg unterteilt sich historisch in die Bergstadt mit Dom, Residenz und Klöster, die Inselstadt mit ihren Handwerkshäusern und die Gärtnerstadt mit dem grössten weltweiten Areal an innerstädtischen Gärtnereien.

Gefühlt verbirgt sich hinter jeder zweiten Tür in Bamberg eine Kneipe. Eine davon ist die Brauerei Schlenkerla, das Bamberger Brauerei-Urgestein. In der mittelalterlichen Wirtsstube aus dem 15. Jahrhundert sitzen bierbäuchige Stammtischler, Handwerker und Studenten, die sich einen Seidla «Aecht Schlenkerla Rauchbier» gönnen.

Foto: Shutterstock

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Das Signature-Bier ist allerdings alles andere als ein Modegetränk à la «Hugo» oder Aperol-Spritz.  Es ist eine Geschmacksbombe, an die man sich erst gewöhnen muss. Das Schlenkerla Rauchbier ist das einzige Bier der Welt, das mit 100% Rauchmalz gebraut wird. Die Folge: Das Bier schmeckt wie flüssiger Schinken. Besitzer Matthias Trump lacht, als ich mein Gesicht verziehe. «Unser Schlenkerla schmeckt erst nach dem dritten Glas. Dann sind Sie da angekommen, wo der Bamberger schon seit seiner Geburt ist». Stimmt, mit jedem neuen Glas tritt der Rauchgeschmack etwas mehr in den Hintergrund – und die Glückseligkeit eines leichten Rausches vernebelt die Welt. Das Schlenkerla ist zweifelsohne Bambergs aussergewöhnlichstes Gebräu. Insgesamt werden in der Innenstadt weitere 50 verschiedene Sorten gebraut: der Himmel auf Erden für ein jeden Bier-Liebhaber.

«Unser Schlenkerla schmeckt erst nach dem dritten Glas»

Matthias Trump

Grundlage aller Biere ist das Bayerische Reinheitsgebot von 1516: Hopfen, Malz, Wasser und Hefe – etwas anderes kommt hier nicht ins Glas. Doch wie kann es sein, dass aus vier Zutaten eine solche Bandbreite an Geschmäckern entsteht? Eine Antwort gibt der deutsche «Bierpapst» Markus Raupach, den ich – wie könnte es anders sein – im Zapfhahn treffe, Bambergs Kneipe mit dem grössten Bierangebot. «Auch im Rahmen des Reinheitsgebotes, lassen sich sehr unterschiedliche Biere brauen», so Raupach. «Jede der Zutaten hat eine grosse Geschmackspalette. Je nachdem, wie man diese mischt, sind die Geschmacksvariationen fast unendlich». Und wenn er über den Gerstensaft philosophiert, klingt es wie bei einer Weindegustation. Er spricht von Zitrus- und Mangonoten, von einer Karamellgrundlage, manchmal von Basilikum oder Banane – je nachdem, welches Malz oder welche Hopfensorte verwendet wurde. «Bier ist Wein darin überlegen, dass es doppelt so viele unterscheidbare Geschmacks-Nuancen aufweist“, schwärmt der Bier-Connaisseur.

Inside-Tipp

Zu Füssen des Doms von Bamberg liegt mitten in der Altstadt die historische Rauchbierbrauerei Schlenkerla. Hier wird das Rauchbier noch aus Eichenholzfässern nach alter Tradition gezapft.

Schlenkerla

Es ist spät, als ich zur Brauerei Fässla zurückkomme, in der ich ein Gästezimmer bezogen habe. Die «Schwemm», der Durchgang zwischen Gaststube und Brauerei, ist noch voller Menschen.

«Hier, trink noch eines mit uns», ruft mir jemand zu.

«Danke, ich hatte schon genug».

«Ach was: Wer in der Schwemm trinkt, war gar nicht wirklich in der Kneipe».

Nun gut. Gegen diese psychologischen Feinheiten versagen alle Argumente. Prost!

 

Diese fränkischen Ausdrücke müssen Sie kennen

Seidla
Ein halber Liter Bier, die Standartgrösse. Das Bier wird entweder im Glas oder Steinkrug serviert.

Aufm Bier-Keller   
Ein Biergarten oberhalb der Lagerstätte, also «auf dem Keller». Der Spezi-Keller ist also der Biergarten der Brauerei Spezial.

Märzen
Ein starkes Lagerbier.

Bockbier
Ein sehr alkoholreiches Bier.

Ungespundetes Bier
Bier mit einem geringeren Kohlensäuregehalt.

Gerupfter
Eine Camembert-Creme mit Paprikapulver und Zwiebeln gewürzt.

Schäufala
Eine gebratene Schweineschulter mit Klössen und Wirsing oder Sauerkraut.

Bamberger Zwiebel
Eine mit Hackfleisch gefüllte Zwiebel.

Saure Nierla
Schweine Nieren in einer säuerlichen Sosse.

Brotzeitplatte
Vergleichbar mit einem «Zvieri-Plättli». Meist besteht die Brotzeitplatte nur aus herzhafter Wurst.

Blaue Zipfel
Bratwürste in einem Essigsud gekocht.

Fränkischer Sauerbraten
Ein Rinderbraten, der ein paar Tage in einem Essigsud lagert und dadurch einen säuerlichen Geschmack erhält.

Zwetschgenbaames
Ein geräucherter Rinderschinken.

Mein persönliches Fazit
Bamberg und Oberfranken ist die perfekte Region für alle, die Kultur mit Genuss verbinden wollen. Eher ein Landstrich für Menschen, die es in ihren Ferien ruhig und gemütlich angehen wollen. Wer Party und Action sucht, ist hier falsch.

Wie komme ich hin Mit dem Zug ab Zürich über München und Nürnberg in rund 6 Stunden nach Bamberg. Siehe auch Reisezeiten unter «Buchen?».

Weitere Informationen: Bamberg Tourismus, Germany Travel

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