Mit Muskelkater um den Südtiroler König

Der Ortler Höhenweg gilt als eine der anspruchsvollsten Rundwanderungen der Alpen. 120 Kilometer Länge und über 8000 Höhenmeter fordern Durchhaltewillen. Die Belohnung: Alpenpanorama vom Feinsten.

Mit Muskelkater um den Südtiroler König

Wie ruhig ist es doch unten im Tal gewesen. Dabei heisst es doch immer, dass man hoch oben Ruhe und Stille findet. Oben auf den Bergen. Wir sind zwar ziemlich hoch, auf genau 2757 Metern über Meer, doch Ruhe fühlt sich anders an: Motorräder knattern, Autoabgase dampfen und es herrscht ein Gewusel wie auf einem Jahrmarkt. Die Würstchenstände machen gute Geschäfte und die Souvenirshops sind dicht umlagert. Wir sind auf dem Stilfserjoch angekommen. 48 enge Kehren und ein paar Kilometer trennen uns vom Dorf Prad in Südtirol. Es ist erst neun Uhr morgens und doch herrscht schon Verkehr wie um die Mittagszeit in Zürich. Irgendwie hatten wir uns den Start unserer Ortler-Umrundung anders vorgestellt. Nun, den «König Ortler» können wir sehen. Abweisend und irgendwie eisig steht er da. 3905 Meter hoch. Am 27. September 1804 gelang dem Bergführer und Gamsjäger Josef Pichler die erste Besteigung. Die imposante Erscheinung wusste schon die Zeitgenossen früherer Jahrhunderte zu faszinieren. Seine erste namentliche Erwähnung auf einer Karte datiert auf das Jahr 1774.

Wir wollen nicht hinauf, sondern nur drum herum. Und schon nach den ersten Metern in Richtung Dreisprachenspitze wird es zunehmend ruhiger. Es ist eine der anspruchsvollsten Rundwanderungen in den Alpen, die wir in Angriff nehmen. Der Ortler Höhenweg zieht sich auf einer Länge von rund 120 Kilometern vom Stilfserjoch bis in die Lombardei nach Sant’Antonio, zum Cancano-See und zurück zum Stilfserjoch. Neue Wegweiser zieren den Weg, der vom Suldener Bergführer Olaf Reinstadler initiiert wurde. Die hochalpine Runde hat es in sich: 8126 Meter im Auf- und Abstieg und eine Höhe, die erst auf 3258 Metern ihr Ende findet.

Am Madritschjoch, Ortler Höhenweg, Südtirol.

Foto: Thomas Kubitz

«Trittsicherheit und gute Kondition sollte man schon haben», hat uns Olaf mit auf den Weg gegeben. Von Beruf Bäcker, engagierter Bergführer, Hubschrauberpilot und Bergretter. In dieser Eigenschaft gleich ein Appell: «Ihr solltet schon etwas Bergerfahrung mitbringen.» Keine übertriebene Vorsicht: Wenn man die gesamte, siebentägige Runde alleine gehen möchte, ist diese Erfahrung auch nötig. Beispielsweise muss am vierten Tag ein Gletscher überquert werden.

Zuerst aber geht die Tour in die Beine. Stichpunkte des ersten Tages: Länge 18,5 Kilometer, rund 340 Meter im Aufstieg, aber knapp 2000 schlauchende Höhenmeter nur bergab bis zum Ort Stilfs. Anfangs Sonne im Herzen (und am Himmel) und teuflischer Muskelkater in den Oberschenkeln am Abend. Eine Tortur übrigens, die Soldaten vor mehr als 100 Jahren fast täglich zu ertragen hatten. Dazu im Winter meterhohen Schnee und Kälte. Genau hier, am Stilfserjoch, über den Ortler und bis zum Gardasee, verlief nämlich von 1915 bis 1917 die Front im Ersten Weltkrieg.

Aussicht vom Ortler Höhenweg im Südtirol.

Foto: Thomas Kubitz

Der Muskelkater will am nächsten Tag nicht so recht verschwinden. Wir kürzen an Tag zwei etwas ab. Der Weiterweg zur Düsseldorfer Hütte ist nämlich mit 17 Kilometern Länge, neun Stunden Wanderzeit und einem Aufstieg von knapp 1800 Höhenmetern nicht zu unterschätzen. Der Bus nimmt uns ein paar Höhenmeter ab. Über Stieralm und Kälberalm geht es zum Nachtlager auf rund 2721 Metern Höhe. Gut, dass wir erst am späten Nachmittag ankommen. Die Hütte ist nämlich auch beliebtes Tagesziel für Touristen, die unten in Sulden nächtigen. Wir sind hungrig und durstig und lassen uns Südtiroler Käseknödel mit Krautsalat schmecken. Schon um sieben Uhr morgens sitzen wir beim Frühstück.

Zufallhütte heisst das nächste Ziel auf dem Ortler Höhenweg. Laut Tourenplan sind es 14 Kilometer, fast 1000 Höhenmeter im Aufstieg und knapp 1400 Höhenmeter im Abstieg. Acht Stunden soll dieser Abschnitt dauern. Wir sind froh, früh aufgebrochen zu sein und die ersten Stunden im Schatten unterwegs sein zu können. Hinunter zur Kanzelhütte ist es unproblematisch, doch dann steigt der Weg unerbittlich an. Die Berge rücken zusammen, der letzte Aufschwung geht in zahllosen Kehren fast senkrecht nach oben. Der Boden ist lose, der Schritt muss überlegt gesetzt sein. Wir sind froh, oben über die Scharte schlüpfen zu dürfen. Doch wir erkennen: Wo ein Auf, da auch ein Ab. Also vorbei am Madritschjoch und klaglos wieder hinunter zur Zufallhütte im Martelltal.

Ausschilderung zum Ortler Höhenweg, Südtirol.

Foto: Thomas Kubitz

Letzter Tag. Richtung Casatihütte über den Gletscher hat es geheissen. Dann, irgendwo auf dem Weg, sollen wir auf Peter treffen. Auch Bergführer aus Sulden. Wolkenverhangen, leichter Nieselregen, kalt. Nach knapp drei Stunden sehen wir ihn oberhalb stehen. Er ist uns weit vom Eisseepass entgegengekommen. Kein Wunder. Die geplante Tour über den Suldengletscher ist nicht mehr machbar. Zwei neue Spalten haben sich geöffnet. Die Sicht ist schlecht. «Ich habe euch nicht gesehen, sondern nur das Klappern der Stöcke gehört», meint Peter. Beruhigend. Trotz seiner jahrelangen Erfahrung hat er im Abstand von 20 Metern kleine Steinmännchen gebaut. «Hilft bei der Orientierung, wenn die Sicht schlecht ist», meint er und erklärt uns, wo welche Berge stehen, wenn wir sie denn sehen könnten. Über die Eisseespitze steigen wir über den Stecknersteig langsam am Seil ab. Und wir sind nach diesen vier Etappen am Ziel. Einen Tag früher als geplant. Aber so ist das in den Bergen: Man ist abhängig von den Launen des Wetters. Und vom Wohlwollen von «König Ortler», der hier im Nationalpark Stilfserjoch das Sagen hat.

Travel Basics

Voraussetzungen Die hochalpine Umrundung der Ortler-Gruppe, die streckenweise auf über 3000 Metern Höhe verläuft, gilt als eine der anspruchsvollsten Höhenrouten im gesamten Alpenraum. Trittsicherheit, Kondition und eine geeignete Ausrüstung sind Grundvoraussetzungen für die Tour, denn ein Teilstück verläuft über Gletschergebiet. Die Begleitung durch einen Bergführer oder eine Bergführerin wird empfohlen.

Länge Der insgesamt rund 120 Kilometer lange Ortler Höhenweg inmitten des Nationalparks Stilfserjoch gliedert sich in sieben Tagesetappen.

Saison Ideal ist die Zeit von Juni bis September.

Übernachten Die ausgewiesenen Alm- und Schutzhütten entlang der hochalpinen Strecke sind bewirtschaftet und bieten den Wanderern Verpflegung und Übernachtungsmöglichkeiten. Es ist ratsam, die Übernachtungen auf den Hütten im Voraus zu buchen.

Markierung Der gesamte Ortler Höhenweg ist gut ausgeschildert und mit einem Logo gekennzeichnet.

Anreise Aus der Schweiz mit dem Auto über den Ofenpass ins Val Müstair, dann über den Umbrailpass zum Stilfserjoch. Parkplätze am Stilfserjoch vorhanden. Tour startet und endet dort.

Bergführer buchen alpinschule-ortler.com

Informationen: vinschgau.net

 

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