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Mit dem Zug durch Nordspanien

Seit 1000 Jahren wird Nordspanien förmlich von Europäern überrannt: hier führt der berühmte Jakobsweg entlang. Aber man kann sich auch gemütlich in Samtsesseln zurücklehnen, und das Land per Zug bereisen und dabei schlemmen, schlemmen, schlemmen. Und ja: auch grossartige Landschaften und Kunstschätze entdecken.

Mit dem Zug durch Nordspanien

Der Blick auf den gedeckten Tisch verheisst nichts Gutes. Dort stapeln sich chirurgische Folterwerkzeuge: Haken, Zangen, Pinzetten, Skalpelle. Der Kellner serviert uns Meeresgetier: Eine Krabbe, die uns mit ihren Stielaugen anglotzt, sowie herzförmige, ovale und fingerlange Muscheln. Und abstruse Urzeitwesen, die aussehen wie ein Mix aus Mini-Auster und Koralle. Wir zögern, aber die Spanier um uns herum geraten in Ekstase: Entenmuscheln – eine der teuersten Spezialitäten Spaniens. Sie pulen, züllen, saugen. Wir müssen erst googeln, wie man dem Viechzeug an den Kragen geht.

Unterwegs sind wir mit dem Luxuszug «El Transcantabrico Clasico» durch Nordspanien – von der Jakobsweg-Stadt Leon entlang der Nordküste bis nach Galicien im Westen. Und da die Spanier Schleckermäuler sind, ist unsere Zugreise auch ein Fest für die Geschmacksknospen. In ausgiebigen Gelagen zur Mittags- und Abendzeit werden die lokalen Spezialitäten wie «Pulpo a feira» (Oktopus), luftgetrockneter Schinken oder kantabrische Anchovis aufgetischt.

Der El Transcantábrico zuckelt seit den 80er-Jahren über die Schmalspurstrecke entlang des Golfs von Biskaya. Zusammengestellt wurde das Gespann allerdings aus historischen Wagen aus den 20er-Jahren. Bahnenthusiasten können auf der achttägigen Reise in den goldenen Zeiten des Eisenbahnbaus schwelgen – inklusive roter Samtsesseln, Jugendstillämpchen und Bordpersonal im klassischen Frack. Allerdings die schmale Spurbreite auch noch einen anderen Effekt: Die Zimmer sind winzig. Für einen Alleinreisenden ist das urgemütlich – wer jedoch als (älteres) Paar reist, kann auch die Deluxe-Variante «El Transcantábrico Gran Lujo» mit grösseren Zimmern auswählen.

TravelMagazin Tipp: Schlafen in der Pilgerherberge der Könige

Seit einigen Jahren wird der Jakobsweg von christlichen Pilgern und Sinnsuchern wiederentdeckt. Die Geschichte geht allerdings bis ins 9. Jahrhundert zurück, als in Santiago de Compostela angeblich das Grab des Jesusjüngers Jakobus des Älteren entdeckt wurde. Santiago entwickelte sich im Mittelalter zu dem wichtigsten Pilgerziel Europas und beeinflusste die Geschichte eines ganzen Kontinents. Entlang der verschiedenen Zubringerwege entstand nicht nur die Infrastruktur für Zehntausende Pilger (in Spitzenjahren sollen es mehrere Hunderttausend gewesen sein), sondern auch bedeutende kunsthistorische Bauwerke. Ein solches Highlight ist das «Hospital de los Reyes Católicos» neben der Kathedrale in Santiago. 1492 beschlossen Königin Isabella I und König Ferdinand II, weithin als die Katholischen Könige bekannt, den Bau einer neuen Herberge, die Pilger aufnehmen und medizinisch versorgen sollte. Das imposante Gebäude aus dem Jahr 1509 mit seinen vier Innenhöfen wurde, nachdem es bis in die 50er Jahre als Krankenhaus genutzt wurde, in ein Luxushotel umgewandelt. Die staatliche Hotelkette Parador hat sich auf den Schutz historischer Gebäude spezialisiert: Ausser einigen modernen Ergänzungen, ist der Bau seit 500 Jahren unverändert. Wer kein Zimmer ergattert (ab 150 Franken/DZ), sollte sich einen Kaffee gönnen oder in dem hervorragenden Restaurant Znacht essen. parador.es

Unsere Reise führt uns von Leon nach Bilbao mit seinem futuristischen Guggenheim-Museum, zum Badeort Santander und hinauf zum Nationalpark «Picos de Europa», dem malerischsten Teil des kantabrischen Gebirges. Ein Highlight ist der Besuch der Höhlen von Altamira, der «Sixtinischen Kapelle der Eiszeit». Dort haben vor 15 000 Jahren Urspanier Büffel, Hirsche und Pferde an die Höhlenwand gemalt. Überhaupt ist Nordspanien vollgepackt mit Geschichte. Seit über 1000 Jahren ziehen hier Pilger aus ganz Europa auf dem Jakobsweg Richtung Santiago de Compostela, wo die Gebeinde des Heiligen Jakobus liegen sollen, und haben ihre Spuren hinterlassen: reiche Klöster, Tempelritter-Komtureien und gotische Kirchen mit bedeutenden Reliquien. Die Region eignet sich also nicht nur für Geniesser, sondern besonders auch für Kulturinteressierte – und für Sonnenanbeter, die im Sommer kühleres Badewetter bevorzugen.

Kappelle in Norditalien.

Foto: TravelMagazin

Vielleicht liegt es an dem permanenten Durchzug von Fremden, dass man sich hier ganz besonders seiner Eigenheiten (und eigenen Sprachen!) Bewusst ist. Viele Menschen im Baskenland, und in den keltischen Regionen Kantabrien, Asturien und Galicien träumen von der Unabhängigkeit von Spanien.

«Wir sind keine Spanier», ruft Barkeeper Guillermo in einer urchigen Beiz in der mittelalterlichen Altstadt von Santiago, wo unsere Reise endet. «Wir haben ganz andere Gene!»

Kellner in Beizli in Nordspanien.

Foto: TravelMagazin

Für den Besucher bedeutet das: Das klischeehafte Spanienbild mit Flamenco-Tänzern und weissgetünchten Häusern aus Andalusien findet sich im Norden nicht. Die Kultur hier findet Anklänge in der Bretagne, in Irland oder Schottland. Das spürt man besonders in der Musik. Fester Bestandteil der Bands, die abends durch Santiagos Kneipen ziehen, ist eine Gaita – ein Dudelsack, der mit Geige und Trommel kombiniert wird.

Zum Abschluss der Reise spendiert uns José eine Queimada, den legendären galicischen Hexentrank. Angeblich geht der flambierte Punsch aus Traubenschnaps, Zucker und Zitronen auf keltische Zeiten zurück, als Druiden und Zauberfrauen durch die Lande zogen. Beim Quäken des Dudelsacks rezitiert Guillermo die rituelle Beschwörungsformel: «Wenn dieser Trank durch unsere Kehlen fliesst, wird er uns befreien von allem Bösen und aller Hexerei.»

Und, so hoffen wir, von all den Kalorien, die es sich nach dieser Woche an unseren Bäuchen gemütlich gemacht haben.

Travel Basics

Zugreise: Der El Transcantabrico Clasico verkehrt neu von Bilbao nach Santiago (und umgekehrt). Die 6-tägige Reise kostet im Doppelzimmer für 2 Personen 8000 Euro. Inkludiert sind die Mahlzeiten und Ausflüge. trencostaverdeexpress.com

Hinkommen: Nach Bilbao geht es direkt mit der Swiss, nach Santiago de Compostela mit Edelweiss. swiss.com; flyedelweiss.com

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