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Unbekanntes Laos – 4000 Inseln, aber kein Meer

Im Süden von Laos geht der Mekong in die Breite. Tausende kleinerer und grösserer Inseln bilden einen ausgedehnten Flickenteppich im Fluss: ein Paradies für Reisende, die von den ausgetretenen Pfaden wegkommen wollen.

Unbekanntes Laos – 4000 Inseln, aber kein Meer

Ein Bekannter äusserte sich begeistert über Don Det, eine laotische Insel mitten im Mekong an der Grenze zu Kambodscha: «Das Feeling ist hier ähnlich wie auf gewissen thailändischen Inseln vor dreissig oder vierzig Jahren», schwärmte er: «Simpel, abgelegen, unglaublich billig und total entschleunigt.» Also nichts wie hin!

Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Denn die Anreise ist mühsam. Zuerst musste ich nach Pakse im Süden von Laos gelangen, der drittgrössten Stadt im Land. Mit dem Bus ab der Hauptstadt Vientiane wäre ich geschlagene zehn Stunden auf Strassen von teilweise fragwürdiger Qualität unterwegs gewesen. Also flog ich mit einer altertümlichen Turboprop-Maschine der Lao Airlines.

Der Flughafen von Pakse im lokalen Chalet-Stil wirkt putzig und ist mit fünf bis zehn An- und Abflügen pro Tag nicht gerade eine Drehscheibe des internationalen Flugverkehrs. Allerdings hat er eine traurige Geschichte: Auf derselben Route ab Vientiane war am 16. Oktober 2013 ein Linienflugzeug nach einem missglückten Landeanflug in den Mekong gestürzt; alle 49 Menschen an Bord kamen ums Leben. Aber von solchen Ereignissen lässt man sich bei der Wahl des Verkehrsmittels nicht beeinflussen.

Laos, Flughafen von Pakse.

Foto: Artur K. Vogel

Im Langboot zur Insel

Von Pakse sind es nochmals etwa drei Busstunden bis ins Inselparadies. Als Alternative kann man auch von Kambodscha her über die Provinzstadt Stung Treng nach Laos einreisen. Die Fernbusse zwischen Phnom Penh und Pakse (10 bis 12 Stunden) oder Siem Reap und Pakse (9 bis 11 Std.) halten in einem Dorf namens Nakasong.

Von der Busstation in Nakasong wird man in einem Elektro-Golfcart zu einer Anlegestelle am Fluss gefahren, wo ein hölzernes Langboot wartet, bei dessen Anblick es Wasserscheuen mulmig wird. Die schweren Koffer und Tramperrucksäcke hievt man über einen schwankenden Steg auf den Kahn. Im Busticket ist die Überfahrt auf die Insel Don Det inbegriffen; ansonsten zahlt man 20.000 laotische Kip, was umgerechnet etwa 70 Rappen entspricht.

Laos, Anlegestelle für Boote in Don Det.

Foto: Artur K. Vogel

Don Det und die Nachbarinsel Don Khon sind die am besten für den Tourismus erschlossenen, aber nicht die grössten Inseln im Gebiet der Si Phan Don, der «4000 Inseln» auf dem Mekong, wo die Demokratische Volksrepublik Laos an das Königreich Kambodscha grenzt. Der Fluss teilt sich hier in zahlreiche Arme und Kanäle und bildet je nach Schätzung 4000 bis 8000 Inseln, von denen einige zehn oder zwanzig Quadratkilometer gross sind, andere nur Grasbüschel oder Sandbänke, die in der Regenzeit unter dem erhöhten Wasserstand verschwinden.

Laos, Insellandschaft Mekong.

Foto: Artur K. Vogel

Auf Don Det reihen sich den Ufern entlang und an der Hauptstrasse einige Hotels und viele Ferienbungalows, wobei ihre Kategorie eher Richtung Holzhütte oder einfaches Gästehaus als Richtung Luxusresort tendiert. Vieles wirkt improvisiert, zusammengezimmert, rudimentär. Entsprechend sind die Preise: Für umgerechnet acht bis zehn Franken pro Nacht bekommt man eine akzeptable Bleibe, für 13 bis 20 Franken ein Doppelzimmer im Hotel mit Bad, Klimaanlage und WLan. Auch das beste Haus am Platz mit Swimming Pool, «Lebijou», schlägt pro Nacht zu zweit mit weniger als 30 Franken zu Buch.

Laos, Ferienbungalows in Don Det.

Foto: Artur K. Vogel

Junge Touristen und Alt-Hippies

Massentourismus findet hier trotz idyllischer Lage und günstiger Preise nicht statt. Dafür ist die Gegend einfach zu abgelegen. Rund 100.000 Touristen kommen pro Jahr. Die meisten sind sehr jung; viele stammen aus Frankreich, Deutschland und Israel. Es gibt aber auch ein paar Alt-Hippies, die auf Don Det sesshaft geworden sind. Zum Beispiel Jason aus Nottingham in Mittelengland.

Jason, der prinzipiell barfuss geht und den man früher wohl als «bärbeissig» etikettiert hätte, führt zusammen mit seiner einheimischen Frau Vipah ein Lokal namens «Vipah Secret Kitchen», das nur aus einer gedeckten Holzterrasse und einer Anrichte besteht, hinter der Jason und Vipah auf einer Herdplatte vor allem Englische Frühstücke mit gedämpften Tomaten, weissen Bohnen in Tomatensauce, selbstgemachten Würstchen, Speck und Toast zubereiten. Das Paar wohnt mit dem kleinen Sohn in einem Raum direkt hinter dem Lokal, der meistens offensteht und von den Gästen ungeniert eingesehen werden kann.

Am Tresen von Philipp’s Bar, deren Chef Philipp aus Deutschland stammt und die Barfrau Kelly aus England, hat sich eine trunkene Runde eingefunden, um sich inbrünstig dem Pool-Billard hinzugeben und lautstark zu politisieren. Kelley nimmt Neuankömmlinge sofort unter ihre Fittiche. Einige ihrer Gäste tragen Palästina-T-Shirts und krakeelen antisemitische Obszönitäten, weshalb ich den Ort trotz Kellys Fürsorge nach einem einzigen Whisky, und ohne eine einzige Pool-Runde gespielt zu haben, überstürzt verlasse.

Oder Rüdiger aus Dortmund, der ziemlich abgegriffen aussieht und ungefähr in meinem Alter ist. Ich treffe ihn auf dem Langboot bei meiner Abreise. In Nakasong will ich den Fernbus nach Phnom Penh erreichen. Nach Don Det, wo er in einer einfachen Holzhütte lebt, entfloh Rüdiger, wie er sagt, vor zehn Jahren einer katastrophalen Scheidung. Jetzt muss er für eine medizinische Behandlung aufs Festland.

Kühe im Tempel

Zu Fuss kann man die Insel in einer guten Stunde umrunden. Sobald man ins Innere vorstösst, wird Don Det ländlich mit Reisfeldfern, Palmenhainen, traditionellen Häusern auf Pfeilern und einer buddhistischen Tempelanlage samt Dorffriedhof, in der Kühe weiden. Am Tag mietet man ein Fahrrad, um Don Det und Don Khon zu erkunden. Abends bucht man für 100.000 Kip oder gut drei Franken eine Sonnenuntergangs-Schifffahrt und landet auf der kleinen Sandinsel Don Nang Quad, wo sich auch laotische Familien mit einfachen Holzbooten einfinden, dem SUV-Ersatz für den Transport durch die Wasserlandschaften. Auf Don Nang Quad nimmt man im warmen Mekong ein Bad und lässt sich in einer improvisierten Kneipe ein kühles Beerlao servieren.

Laos, Don Det Dorffriedhof.

Foto: Artur K. Vogel

Trotz ihrer Abgeschiedenheit haben auch die 4000 Inseln Kolonialgeschichte geschrieben. Für die Franzosen, die das heutige Laos, Kambodscha und Vietnam ab Mitte des 19. Jahrhunderts kolonisierten, war das Gebiet von strategischer Bedeutung. Sie wollten den Mekong für den Schiffsverkehr nach China nutzen, doch in der Region der 4000 Inseln stiessen sie auf natürliche Barrieren: Stromschnellen und eine Reihe von Wasserfällen, von denen sich die bekanntesten, die Li Phi Somphamit-Fälle, nahe der Südspitze der Insel Don Det und bei der Nachbarinsel Don Khon befinden. Der Mekong überwindet hier ein Gefälle von bis zu 24 Metern – keine Chance, mit Schiffen durchzukommen.

Elefanten und Lokomotiven

Um 1900 begannen die Franzosen deshalb mit dem Bau einer Schmalspurbahn von Don Khon nach Don Det, um Güter und Passagiere auf dem Landweg an den Fällen vorbei von einem Mekong-Hafen zum nächsten zu transportieren. Die beiden Inseln verbanden sie mit einer Eisenbahnbrücke. Auf der Strecke mit Meterspur wurden Elefanten als Zugtiere für Materialtransporte eingesetzt, und kleine Dampflokomotiven beförderten bis zu 100 Tonnen pro Fahrt.

Laos, Eisenbahnbrücke Don Khon, Don Det.

Foto: Artur K. Vogel

Nach dem Abzug der Franzosen 1953 wurde der Bahnverkehr eingestellt. In der Nähe der Brücke auf der Seite von Don Khon kann noch eine verrostete Dampflok besichtigt werden. Die Gleise auf der Brücke wurden entfernt; Velos und Motorräder, Tuk Tuks und Fussgänger nutzen sie nun, um von der einen auf die andere Insel zu wechseln, während im Dschungel Schienen, halb überwuchert von der Vegetation, an die koloniale Vergangenheit erinnern.

Laos, Don Khon, alte Lokomotive.

Foto: Artur K. Vogel

Travel Basics

Hinkommen Von der laotischen Hauptstadt Vientiane fährt man mit dem Bus oder fliegt in die südliche Provinzstadt Pakse. Alternativ kann man von Bangkok aus die thailändische Stadt Ubon Ratchathani anfliegen und von dort mit dem Bus nach Pakse überwechseln. Von Pakse sind es nochmals drei bis vier Stunden im Bus bis Nakasong. Die dritte Möglichkeit ist eine Busfahrt aus Phnom Penh oder Siem Reap in Kambodscha bis Nakasong.

Reinkommen Für die Einreise nach Laos ist ein Visum nötig, das man online oder beim Grenzübertritt erhält. (Im zweiten Fall werden zwei Passbilder und 40 bis 50 US-Dollar in bar verlangt.)

Rumkommen Laos ist mit Überlandbussen, Minibussen, Inlandflügen und teilweise auch der Bahn gut erschlossen. Ein Mietwagen ist überflüssig. Auf den 4000 Inseln mietet man Velos (1.25 Franken) oder Motorroller (ca. 6.50 Franken pro Tag).

Reisezeit Von November bis März ist es trocken und warm (22–34 °C) mit wenig Moskitos, ideal für Outdoor-Aktivitäten und Bootsfahrten auf dem Mekong. Von März bis Mai sind die Temperaturen höher (35–40 °C). Von Juni bis Oktober herrscht Regenzeit mit oft heftigen Regenschauern.

Mehr Informationen: tourismlaos.org;  visitlaos.org; visitsoutheastasia.travel

#Über Autor

Artur Kilian Vogel

Journalist, Buchautor und Reise-Connoisseur – ehemaliger Auslandkorrespondent des Tages-Anzeigers (London, Nahost) und Chefredaktor des Berner «Bund», bereiste über 70 Länder auf allen Kontinenten.

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