• Vogel unterwegs (24)

Thailands Könige und ihre Kriege

In die bewegte Geschichte der Länder einzutauchen, die er bereist, ist eine von Arturs liebsten Beschäftigungen. So erkundet er in Ayutthaya und Lopburi nördlich von Bangkok die glanzvolle Vergangenheit des Königreichs Siam.

Die meisten Touristen kommen einen Tag: Von Bangkok, rund 80 km südlich, lassen sie sich in Bussen, Vans und Taxis nach Ayutthaya fahren, stürmen die Sehenswürdigkeiten, schiessen Selfies und sind am späteren Nachmittag wieder weg. Ich bin drei Tage geblieben. Denn Ayutthaya, die alte Hauptstadt des Königreichs Siam, ist nicht nur eine eindrückliche Sammlung von Ruinen und Tempelanlagen, sondern in seinem Kern auch eine attraktive Provinzstadt.

Am Abend erholt man sich von all den überwältigenden Eindrücken bei einem entspannten Bummel über den Nachtmarkt. Eine Strassenküche verspricht, nur leicht übertrieben, das «beste Thai-Essen». Man setzt sich auf einen der Campingstühle an einen Klapptisch und lässt sich das nationale Nudelgericht Pad Thai plus ein Chang-Bier servieren. Für das köstliche Mahl und das kühle Nass sind etwa 200 Baht oder rund fünf Franken fällig.

Auf dem Nachtmarkt in Ayutthaya unterwegs

Foto: Artur K. Vogel

Ayutthaya wurde 1350 gegründet und war während mehr als vier Jahrhunderten die Hauptstadt des Königreichs Siam und ein kosmopolitischer Knotenpunkt des Handels zwischen China, Japan, Indien, Persien und Europa mit Wohn- und Geschäftsquartieren für Chinesen, Japaner, Perser, Portugiesen, Holländer und natürlich Thais. Um 1600 lebten hier 200.000 bis 300.000 Menschen.

Siege und Niederlagen

Ayutthaya betrieb auch eine aggressive Expansionspolitik: Seine Armee belagerte und eroberte 1431 die Stadt Angkor, die Hauptstadt des Khmer-Reiches, heute Kambodscha. Etwa 200, 300 Jahre früher war Angkor seinerseits mit 700.000 bis 900.000 Einwohnern nach Hangzhou in China die zweitgrösste Metropole der Welt gewesen, noch vor Delhi, Bagdad, Kairo und Paris. Im 12. Jahrhundert wuchs das Khmer-Reich nach blutigen Eroberungen auf rund eine Million Quadratkilometer an, dreimal so gross wie die Bundesrepublik Deutschland. Das heutige Thailand und Laos, dazu Teile von Vietnam, Myanmar und Malaysia standen unter Khmer-Herrschaft.

Als das Königreich Siam seinerseits im 15. Jahrhundert Teile des Khmer-Reiches unterwarf, befand sich Angkor bereits im Niedergang, weil die komplexen Bewässerungssysteme nicht mehr funktionierten und die Khmer-Herrscher ihr Zentrum 300 km südlich nach Chaktomuk verlegten, dem heutigen Phnom Penh.

Stadt auf einer Insel

Ayutthaias historisches Zentrum liegt auf einer Insel, die durch den Zusammenfluss dreier Flüsse – des Chao Phraya, der weiter südlich auch durch Bangkok mäandert, des Pa Sak und des Lopburi – gebildet wird. Auf der Insel befinden sich, zusammengefasst in einem «Geschichtspark», die Überreste des einstigen Königspalastes und darum herum die Ruinen einiger bedeutender Tempel.

Ayutthaya Geschichtspark, Thailand.

Foto: Artur K. Vogel

In den Stupas des Tempels Phra Si Sanphet aus dem 15. Jahrhundert wird die Asche verstorbener Könige aufbewahrt. Wat Mahathat präsentiert ein oft fotografiertes Motiv: Nach der Zerstörung Ayutthayas blieb ein steinerner Buddha-Kopf am Boden liegen. Er wurde mit der Zeit von den massiven Wurzeln eines Banyan-Baumes umschlungen und wuchs mit ihnen in die Höhe. Der Kopf mitten im Wurzelwerk ist ein Mahnmal für die Vergänglichkeit des Menschen und die Kraft der Natur.

Ayutthaya, Wat Manhathat, Thailand.

Foto: Artur K. Vogel

Ebenfalls im Stadtzentrum, aber ausserhalb des Geschichtsparks, steht der Wat Lokayasutharam. Hier findet man unter freiem Himmel einen 42 Meter langen, acht Meter hohen liegenden Buddha aus dem 14. Jahrhundert. Trotz ihres Alters und aller Witterungseinflüsse ist die mächtige Statue aus Ziegeln und Stuck gut erhalten.

Stadtrundfahrt auf dem Wasser

Die aussergewöhnliche geografische Situation der Altstadt ermöglicht am frühen Abend, kurz vor Sonnenuntergang, ein einmaliges Erlebnis. Wenn die Touristenmassen abgereist sind, gondelt man auf einem Flussschiff rund um die Altstadt, besucht hier einen Tempel, dort eine antike Stätte und betrachtet die traditionellen Häuser auf Pfeilern und den einen oder anderen Tempel am Flussufer.

Ayutthaya, Tempel am Flussufer, Thailand.

Foto: Artur K. Vogel

Der völlig intakte Wat Phanan Choeng liegt am Ostufer des Chao Phraya am Zusammenfluss mit dem Pa Sak. Er wurde Anfang des 14. Jahrhunderts erbaut, noch vor Ayutthayas offizieller Gründung. Das Innere des Hauptgebäudes wird von einer gigantischen, vergoldeten Buddha-Statue beinahe ausgefüllt, 19 Meter hoch, knapp 700 Jahre alt und damit eine der grössten und ältesten Bronzestatuen Thailands.

Ayutthaya, Wat Hanan Choeng, Thailand.

Foto: Artur K. Vogel

Danach besuchen wir Wat Chaiwatthanaram, eine weitläufige Tempelanlage aus dem 17. Jahrhundert am Westufer des Chao Phraya ausserhalb der Insel. Der zentrale Tempelturm oder Prang in der Mitte ist von kleineren Türmen und Galerien umgeben. Die hohen Türme im Khmer-Stil leuchten im Abendlicht in einem tiefen Terrakotta-Rot und werden so zum ästhetischen und emotionalen Highlight unserer Bootsfahrt.

Überrannt, geplündert, niedergebrannt

Das Königreich von Ayutthaya war während Hunderten von Jahren die dominierende Macht Südostasiens. Doch 1767 nahm die glanzvolle, lebensfrohe Hauptstadt ein jähes Ende: Nach langer Belagerung überrannte die Armee des Nachbarlandes Birma (heute Myanmar) die Stadt, plünderte sie, brannte sie nieder, und ermordete oder vertrieb die Bevölkerung.

Was bleibt, ist ein riesiges Freilichtmuseum, das 1991 auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes gesetzt wurde. Doch Ayutthaya ist mehr als ein Haufen alter Steine. Es ist ein Ort, der lehrt, dass Macht und Bedeutung vergänglich sind, aber Würde auch den Niedergang überdauern kann.

Von Ayutthaya bin ich mit dem Bus nach Lopburi gefahren, nochmals 70 km nördlich. Schon unter der Herrschaft der Khmer vom 9. bis 13. Jahrhundert n.Chr. spielte die Stadt eine wichtige Rolle und avancierte im 17. Jahrhundert sogar zur zweiten Hauptstadt neben Ayutthaya.

Direkt gegenüber dem Bahnhof beeindrucken mich die Ruinen des Tempels Phra Si Mahathat mit ihren imposanten Chedis oder Pagoden, die besonders nachts dank märchenhafter Beleuchtung eine magische Ausstrahlung besitzen. Am berühmtesten ist aber der Tempel Prang Sam Yot aus dem 11. Jahrhundert in der Altstadt. Er wird auch «Affentempel» genannt, weil angeblich Hunderte wilder Makaken sein Gelände bewohnen und Besucher belästigen. Welch ein Frust! Auf dem Tempelgelände habe ich keinen einzigen Affen gesehen und in der ganzen Stadt nur zwei, die sich auf einem Trottoir an einem aufgerissen Kehrichtsack gütlich taten.

Prang Sam Yot, Affentempel in Lopuri Thailand.

Foto: Artur K. Vogel

Das eigentliche Zentrum der Stadt bildet der Palast von König Narai. Dieser regierte von 1656 bis 1688 und gilt als bedeutendster Herrscher von Ayutthaya. In Lopburi liess Narai 1665–1677 mit französischen Architekten einen prächtigen Palast bauen, den Phra Narai Ratchaniwet, dessen Ruinen durch ihre Mischung aus Thai-, Khmer- und europäischen Architekturstilen beeindrucken. In den Strassen rund um den Palast vermieten Läden traditionelle Trachten. Junge Thais spazieren in den prächtigen Kleidern durch die Palastruinen und filmen einander mit dem Handy.

Die heutige Dynastie seit 1782

Nachdem König Narais Armee Teile Birmas erobert hatte, schlug dieses wie gesagt zurück und brachte 1767 das Königreich Ayutthaya zu Fall. Doch der Erfolg war von kurzer Dauer: Der thailändische General Taksin befreite Siam innerhalb von zwei Jahren von der birmanischen Besetzung und liess in Thonburi an der Mündung des Chao Phraya gegenüber von Bangkok eine neue Hauptstadt bauen. Schon Ende 1767 hatte sich Taksin selbst zum König gekrönt. Doch 1782 wurde er wegen seines geistigen Verfalls gestürzt und hingerichtet.

Ein weiterer General, Chao Phraya Chakri, besetzte den Königsthron nach Taksins Sturz. Chakri verlegte die Hauptstadt ans andere Flussufer nach Bangkok. Er begründete die Dynastie, die noch heute an der Macht ist. Die Chakri-Könige nennen sich «Rama». Dieser Titel stammt aus der hinduistischen Mythologie und soll die gottähnliche Stellung des Königs unterstreichen: Rama gilt dort als Inkarnation des Gottes Vishnu.

Rama VI. führte 1916 die Nummerierung ein. Er nannte sich selbst Rama VI.; die Vorgänger bekamen rückwirkend die Nummern eins bis fünf zugeteilt. Der heutige König Maha Vajiralongkorn ist Rama X.

Das Verhältnis der Thais zu ihrem Königshaus, das durch drakonische Gesetze gegen Majestätsbeleidigung fast jeder öffentlichen Kritik enthoben wird, ist mir bis heute ein Rätsel. Tatsache ist, dass sich die Thais auf ihre Könige als «Nummer» berufen. Der gegenwärtige Herrscher ist also «Nummer zehn». Dabei gibt es aber zwei unbestrittene Lieblinge. In zahllosen Büros, Banken, Bars und buddhistischen Tempeln hängen vor allem Bilder von «Nummer fünf» und «Nummer neun».

Rama V., König Chulalongkorn, regierte von 1868 bis 1910 und trieb die Modernisierung des Königreichs voran, indem er Post, Eisenbahnen, Ministerien und westliche Bildung einführte und 1905 die Sklaverei abschaffte. Durch geschickte Diplomatie bewahrte er die Unabhängigkeit Thailands, während alle umliegenden Länder unter die Fuchtel von Grossbritannien oder Frankreich gerieten.

Rama IX., König Bhumibol Adulyadej, sass sogar während unvorstellbaren 70 Jahren auf dem Thron, von Juni 1946 bis zu seinem Tod am 13. Oktober 2016. Seine Popularität beruht unter anderem auf seinem als vergleichsweise einfach eingeschätzten Lebensstil, seiner Nahbarkeit, die er auf zahlreichen Besuchen in der Provinz demonstrierte, und seinen Talenten als Jazzmusiker, Fotograf und Ingenieur. Während politischen Unruhen trug er jeweils zur Deeskalation bei. Inzwischen wird er von Thais «Bhumibol der Grosse» genannt.

Statue König Bhumibol, Thailand.

Foto: Artur K. Vogel

Die Popularität hatte «Nummer neun» auch seiner Gattin, Königin Sirikit, zu verdanken. Diese wird genauso verehrt wie Bhumibol selber. Sie verstarb im Oktober 2025 mit 93 Jahren. Doch bis heute hängen im ganzen Land überdimensionierte, mit Blumen oder Fahnen und Trauerbändern geschmückte Bilder von ihr.

Erinnerungsstätte, Königin Sirikit, Thailand.

Foto: Artur K. Vogel

Travel Basics

Hinkommen Von Bangkok kann man geführte Touren nach Ayutthaya buchen (z.B. über die Apps tripadvisor oder 12toGo). Man kann aber ohne weiteres auch auf eigene Faust mit dem Bus oder dem Mietwagen hinfahren.

Reinkommen Für die Einreise nach Thailand reicht ein Reisepass, der noch mindestens sechs Monate gültig ist. Nach der Ankunft erhält man eine Aufenthaltsgenehmigung für 60 Tage. Innerhalb von drei Tagen vor der Einreise muss zudem eine Digital Arrival Card ausgefüllt werden. Achtung vor kommerziellen Anbietern, welche Geld für diese Dienstleistung verlangen. Auf der offiziellen Webseite ist die Karte gratis: tdac.immigration.go.th

Rumkommen In Thailand gibt es ein gut ausgebautes Busnetz und auch Eisenbahn- sowie für längere Strecken Flugverbindungen. Taxi- und Tuktuk-Fahrer neigen dazu, Touristen übers Ohr zu hauen. Dies vermeidet man mit einer App der asiatischen Uber-Alternativen Grab und Bolt.

Reisezeit Thailand ist eine Ganzjahresdestination mit Hochsaison über Weihnachten und Neujahr. Thailand bietet ein tropisches Klima, wobei die Höchsttemperaturen selten unter 26 Grad sinken und gern auch auf 35 oder mehr steigen. Trocken und relativ kühl ist es von November bis Februar, heiss und trocken von März bis Mai, heiss und regnerisch von Juni bis Oktober.

Mehr Informationen: tourismthailand.org worldheritagesites.net

#Über Autor

Artur Kilian Vogel

Journalist, Buchautor und Reise-Connoisseur – ehemaliger Auslandkorrespondent des Tages-Anzeigers (London, Nahost) und Chefredaktor des Berner «Bund», bereiste über 70 Länder auf allen Kontinenten.

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