Es locken Sonne, unendliche Strände, Party-Inseln, Nachtleben, exotisxche Speisen: Abermillionen lieben Thailand als Feriendestination. Bei einer Reise in die Grossregion Isaan erlebt Artur allerdings ein völlig anderes Lebensgefühl.
In rund zehn Stunden sind wir mit dem Überlandbus vom Ferienort Hua Hin südlich von Bangkok nach Nong Ki in der Provinz Buriram, Grossregion Isaan, gefahren und in eine andere Welt eingetaucht. Mit rund 33 Millionen internationalen Ankünften gehörte Thailand 2025 zu den zehn bedeutendsten Destinationen der Welt, trotz einem Rückgang von sieben Prozent gegenüber 2024. In Grossstädten wie Bangkok oder Chiang Mai, in beliebten Strandorten und auf gewissen Inseln kann das Gedränge zur Hauptsaison fast beängstigend werden.
Wenn man in diesen Ferienorten Kellnerinnen, Hotelangestellte, Taxifahrer oder Barfrauen fragt, woher sie stammten, heisst die Antwort sehr häufig: «aus Isaan». Isaan im Nordosten des Landes mit rund 22 Millionen Einwohnern und 20 Provinzen ist mehr als viermal so gross wie die Schweiz und Thailands ärmste Region.
Sich langweilen in Isaan?
Ich hatte seit Jahrzehnten von Isaan gehört, konnte mir aber kein plastisches Bild davon machen. Deshalb bat ich Thanchanok, eine Bekannte, die aus Nong Ki in der Provinz Buriram stammt und im Tourismussektor in Hua Hin arbeitet, mir ihre Heimat zu zeigen. Freunde mokierten sich: «Du wirst dich zu Tode langweilen. Ausser Reisfeldern gibt es in Isaan nichts.»
Kaum ein Tourist verirrt sich hierher, und niemand spricht Englisch. Isaan ist von der Landwirtschaft geprägt. Das Land ist flach. Strassendörfer und die eine oder andere Stadt wechseln sich ab mit Feldern bis zum Horizont. Alle paar Kilometer lädt eine Tankstelle mit Kaffeehaus, Supermarkt, Essständen und Toiletten zur Rast.
Die erste Überraschung ist meine Unterkunft für rund 30 Franken pro Nacht inklusive A-la-carte-Frühstück: Das Phutara Resort in Nong Ki liegt zwischen einem kleinen Vergnügungspark und einem Muster-Bauernhof. Es besteht aus zwei Restaurants und zehn modernen, grosszügigen Bungalows mit piekfeinem Badezimmer, Terrasse über dem Wasser und eigenem, gedecktem Auto-Abstellplatz, an einem Kanal aufgereiht und von Palmen überschattet. Es gibt nur ein kleines Problem, wie ich alsbald feststelle: Das Restaurant schliesst abends um acht, was übrigens für alle Lokale in der Gegend gilt (ausser einem einzigen, das sage und schreibe bis 21 Uhr geöffnet ist).
Foto: Artur K. Vogel
Es gibt aber auch in Isaan Grossstädte, Khorat zum Beispiel, Udon Thani, Ubon Ratchathani oder Buriram. Dort, in der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, haben wir das Fussballstadion besichtigt. Die moderne Sportstätte, mit 32’600 Sitzplätzen vergleichbar mit Schweizer Stadien wie St. Jakob oder Wankdorf, ist an fussballfreien Tagen ein beliebtes Ausflugsziel für Familien. Obwohl hier tiefste Provinz herrscht, findet sich der Klub Buriram United zum Zeitpunkt unseres Besuchs mit Abstand zuoberst auf der Tabelle der thailändischen Liga (ein wenig wie der FC Thun in der Super League).
Foto: Artur K. Vogel
Überweisungen aus den Touristenorten
Thanchanoks Geschichte habe ich so oder ähnlich von unzähligen Thais gehört: Mit ihrem Einkommen in Hua Hin unterstützt die geschiedene, 43-jährige Frau die ganze Verwandtschaft in Nong Ki: ihre knapp 70 Jahre alten Eltern; ihre Kinder, den fussballbegeisterten 13-jährigen Sohn und die achtjährige Tochter, die am liebsten Badminton spielt. (Thanchanoks ältester Sohn, knapp 20, ist wegen der Arbeit nach Bangkok gezogen.) In Nong Ki lebt auch ihre jüngere Schwester zusammen mit ihrem tschechischen Mann und einer schwerstbehinderten 12-jährigen Tochter aus einer früheren Beziehung, für deren Betreuung der Staat monatlich 1000 Baht (etwa 25 Franken) überweist. Thanchanoks Schwester hat im weiteren einen 21-jährigen Sohn, der weggezogen ist und seine fünfjährige Tochter in Nong Ki hinterlassen hat. Thanchanoks Bruder betreibt in der nahen Grossstadt Khorat ein Geschäft.
Ein paar Kilometer ausserhalb des Zentrums der Kleinstadt Nong KI besitzt die Familie einen Bauernhof, wobei wir uns kein Gehöft wie in der Schweiz vorstellen dürfen: Die vier Generationen leben in drei Häusern an der Hauptstrasse, wobei zwei einen gemeinsamen Innenhof bilden. Thanchanoks Mutter und Schwester betreiben einen kleinen Supermarkt, der wenig abwirft, weil die Konkurrenz zu gross ist.
Foto: Artur K. Vogel
Reis, Mangos – und Fische
Die Felder, durchzogen von einem Bewässerungskanal, liegen etwa zehn Motorroller-Minuten entfernt. Angebaut werden Reis, Kokosnüsse, Guava, Mangos, Bananen und Chili. An einem schulfreien Tag gehen wir mit den Kindern fischen. Die Fischruten sind einfache Bambusstäbe, vorn mit einer Plastikschnur versehen, an deren Ende ein Haken baumelt. Die Achtjährige zieht hintereinander zwei Karpfen aus dem Wasser, ihr Bruder wenig später mehrere Tilapias. Am Abend schmort Thanchanoks Mutter den dickeren Karpfen in einem Gemüse- und Kräutersud und frittiert die übrigen Fische, die für ein opulentes Diner für die ganze Familie plus den Gast aus der Schweiz reichen.
Foto: Artur K. Vogel
An einem anderen Abend ist der Bruder aus Khorat mit seiner Frau zu Besuch. Zum Abendessen werden im Innenhof Bastmatten ausgelegt. Dort lässt sich die Familie nieder. In der Mitte ein kleiner Feuerofen, auf dem ein Aluminiumtopf thront, in welchem eine Brühe mit Gemüse und Kräutern brodelt und in der Mitte Fleischstücke gegrillt werden.
Foto: Artur K. Vogel
Was nicht auf dem Hof geerntet oder gefischt werden kann, wird im Städtchen eingekauft. Hier gibt es eine grosse, mit blauem Wellblech überdachte Markthalle, in der es nach Gewürzen, Fischen und heissem Frittieröl riecht. Es gibt den Supermarkt von 7eleven mitten im Städtchen und an der Autostrasse ein Einkaufszentrum. Dreimal pro Woche wird zudem ein Nachtmarkt abgehalten, auf dem man sich mit lokalen Speisen verpflegen kann, aber auch mit eher exotischen wie Sushi oder frittierten Seidenraupen. Billigkleider, lokales Kunsthandwerk, chinesisches Plastikspielzeug, Parfüm und Kosmetika werden ebenfalls angeboten.
Foto: Artur K. Vogel
Wie fast überall in Thailand herrscht intensiver Verkehr. Das beliebteste Transportmittel ist der Motorroller; es gibt auch Kleintransporter auf der Basis von Motorrädern. Wer sich ein Auto leisten kann, kauft einen praktischen Pick-up.
Foto: Artur K. Vogel
Hindu- und Buddha-Tempel
Im Dorf gibt es einen hölzernen Buddha-Tempel, der gerade aufgeräumt und hergerichtet wird für ein Tempelfest in ein paar Wochen. Thanchanok zählt auf, was ich alles verpassen werde: Essen und Trinken an vielen Ständen, Thaiboxen, traditionelle Tänze, Musik- und Gesangsdarbietungen. «Das Tempelfest ist das wichtigste Ereignis des Jahres», sagt sie.
A propos Tempel: Eine Anlage ähnlich der von Angkor Wat im heutigen Kambodscha, einst dem Hindu-Gott Shiva geweiht, würde man in Buriram nicht erwarten. Doch hier ist sie: Phanom Rung, ein beeindruckendes, tausendjähriges Bauwerk. Während fast ganz Isaan flach ist, hat man für Phanom Rung eine der wenigen Anhöhen gewählt, den Kegel eines erloschenen Vulkans.
Foto: Artur K. Vogel
Eine Prozessionsstrasse und eine monumentale Treppe, deren Besteigung in der aufkommenden Mittagshitze den Schweiss aus allen Poren triebt, lassen einen die Anlage in ihrer ganzen Grösse erleben. Kunstvoll verzierte Torbauten und Umfassungsmauern gruppieren sich um den so genannten Prasat, ein zentrales Heiligtum aus Sandstein. Die genialen Architekten des 12. Jahrhunderts haben den Bau so konzipiert, dass die auf- oder untergehende Sonne an bestimmten Tagen gleichzeitig durch alle 15 Toröffnungen scheint.
Foto: Artur K. Vogel
Phanom Rung liegt nur 30 Kilometer von der kambodschanischen Grenze entfernt, und eine weitere Khmer-Anlage, Prasat Mueang Tam, sogar nur 20. Auch Mueang Tam, in der Ebene gelegen, lohnt einen Besuch: Die Anlage besticht durch ihre Symmetrie und die vier L-förmigen Lotos-Teiche, die den zentralen Bereich umschliessen.
Geschichte und Gegenwart
Doch die Geschichte holt einen immer wieder ein: Kurz vor unserem Besuch lieferten sich die thailändische und die kambodschanische Armee schwere Gefechte. «Nur zehn Kilometer von hier schlugen kambodschanische Raketen ein», erzählt uns eine Frau in Mueang Tam, an deren Essensstand am Rand eines kleinen Sees wir uns verpflegen. «Tausende von Menschen sind hierher geflüchtet.»
Ganz Südostasien ist seit Urzeiten von Rivalitäten zwischen Thailand, Kambodscha, Myanmar, Laos und Malaysia geprägt. Im Zeitalter des Kolonialismus gerieten die Länder unter europäische Herrschaft – ausser Thailand, das seine Unabhängigkeit wahren konnte. Die Spannungen zwischen Thailand und Kambodscha gehen auf ebendiese Kolonialzeit zurück: 1904 und 1907 schlossen die Thais mit den Franzosen, die Indochina, also auch Kambodscha, beherrschten, ein Grenzabkommen.
Doch der Verlauf der Grenze war an diversen Stellen zu wenig exakt definiert. Der Streit darüber, welcher Tempel und welches Reisfeld zu Thailand oder zu Kambodscha gehört, führt immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Verstärkt wird der Konflikt dadurch, dass viele Thais die Kambodschaner kollektiv verachten.
So sind Phanom Rung und Mueang Tam nicht nur eindrückliche Zeugen der Vergangenheit, sondern erinnern daran, wie sehr diese auch unsere Gegenwart beeinflussen kann.
Ich war eine gute Woche in Isaan und habe ein Thailand erlebt, das mit den Ferienprospekten nichts gemein hat. Habe ich mich gelangweilt, wie mir prophezeit wurde? Überhaupt nicht. Isaan hat mein Verständnis für dieses faszinierende, facettenreiche Land verstärkt und mir zudem die Möglichkeit gegeben, jenseits aller Hektik darüber nachzudenken, wie unsere Existenz auf Zufällen beruht, die wir nicht beeinflussen können – zum Beispiel, ob jemand in Buriram oder in Luzern zur Welt kommt.