Den 31. Dezember 2024 verbrachte Artur in Pattaya, das chinesische Neujahr in George Town und Ipoh, Malaysia. Doch für das verrückteste aller Neujahrsfeste, Songkran, ist er nach Thailand zurückgekehrt.
Heerscharen von Touristen, eine überbordende Klub- und Barszene und das äusserst rege Nachtleben zeichnen Pattaya aus, den Ferienort am Golf von Thailand. Das gilt ganz besonders für Silvester. Dann drängeln sich Zehn- oder eher Hunderttausende am drei Kilometer langen Strand, der sich sichelförmig in die Bucht von Pattaya schmiegt. Bars, Ess-, Trink- und Schiessbuden und eine tinnitusfördernde Dauerbeschallung mit Live- und Konservenmusik sorgen für Rambazamba. Später am Abend steigen augen- und ohrenbetäubende Feuerwerke in den Himmel. Schluss der Mega-Veranstaltung ist erst bei Sonnenaufgang im Neuen Jahr. Silvester in Pattaya ist legendär.
Foto: Artur K. Vogel
Da wollen die Chinesen, die bekanntlich vor etwa 1400 Jahren das Feuerwerk erfunden haben, nicht hintanstehen. Das chinesische Neujahr, das jeweils beim zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende während zwei Wochen gefeiert wird, das heisst dieses Jahr ab dem 29. Januar, kündigt sich an, indem in den diversen Chinatowns die Häuser, Läden, Strassen und Tempel mit Serien roter Laternen behängt und abends erleuchtet werden. Rot bedeutet Leben, Wärme, Wohlstand, Freude und Kraft.
Zuvor schon sind die Häuser einem gründlichen Frühlingsputz unterzogen worden, um Platz für neues Glück zu schaffen. Zudem hängt man rote Papierbänder mit Sinnsprüchen auf. Wichtig sind Familienbesuche und Geldgeschenke. Mit Drachen- und Löwentänzen und mit Feuerwerk sollen böse Geister vertrieben werden.
Foto: Artur K. Vogel
Nächtelanges Krachen
Was das bedeutet, habe ich in Malaysia in George Town auf der Insel Penang erlebt und vor allem in der Hauptstadt der Provinz Perak, Ipoh, wo die Mehrheit der Bevölkerung chinesischen Ursprungs ist. Man wähnt sich fast im Krieg: Nächtelanges Donnern und Krachen; kurze Pausen, während denen nur das Gejohle der Feiernden und Musik zu hören ist; dann wieder Zischen und Wummern, bis eine neue, gewaltige Detonation Menschen und Tiere erschüttert.
Songkran allerdings, das traditionelle Neujahrsfest der Thai-Völker, übertrifft alles. Dabei ist es nicht einmal ein «echtes» Neujahr. Dieses wurde nämlich 1941 auch in Thailand offiziell auf den 1. Januar verlegt. Das gregorianische Jahr 2025 und das buddhistische Jahr 2568, dessen Zählung mit dem Tod Buddhas begonnen haben soll, laufen synchron (anders als der islamische Kalender, der sich nach der Mondphase richtet, weshalb die Monate jeweils 29 oder 30 Tage zählen und die Jahre 354 Tage). Die buddhistische Jahreszahl, die auch in Myanmar, Laos, Kambodscha und Teilen Sri Lankas gebräuchlich ist, wird vor allem bei formellen Anlässen wie Tempelzeremonien oder Hochzeiten und auch zur Festlegung der Daten von religiösen Feiertagen verwendet.
Jeder wird nass
Songkran ist Sanskrit, heisst «Übergang» und findet jeweils Mitte April statt. Eine thailändische Bekannte hat mich sorgsam vorbereitet: Auf dem Markt haben wir eine wasserdichte Plastikhülle zum Umhängen gekauft, in der nun Handy, Pass und Papiergeld hermetisch verschlossen werden. Als Bekleidung empfiehlt sie eine Badehose, ein T-Shirt und Flip-Flops. Andere gehen weiter und haben sich, trotz Temperaturen von mehr als 30 Grad, Plastik-Regenhüllen übergestülpt und Plastik-Kapuzen über den Kopf gezogen.
Ich bin wieder im Ferienort Hua Hin am Golf von Thailand, 200 km südlich von Bangkok. Wir gehen auf die Strasse, und fast bin ich frustriert, weil noch nichts passiert. «Warte nur, gegen Abend geht es los», sagt die Begleiterin. Und tatsächlich: Wenig später trifft mich überraschend ein kräftiger, eiskalter Wasserstrahl im Rücken. Ich drehe mich reflexartig um und erhalte nun aus einer Wasserpistole einen Spritzer an den Kopf. Was heisst hier «Pistole»? Bei den voluminösen, mehrfarbigen Wasserwerfern handelt es sich eher um Pump Action Guns aus Plastik. Auch kleine Kinder hantieren bereits damit.
Foto: Artur K. Vogel
Wasserschlachten und Schaumkanonen
Jetzt ist kein Halten mehr: Von den Ladebrücken von Pick-ups herunter wird man mit Schläuchen vollgespritzt. Man watet durch knietiefen Schaum, der aus Schaumkanonen wie dichtes Schneegestöber auf die Strassen niedergeht. Vor Läden und Lokalen stehen Fässer, aus denen mit Plastikkübeln Wasser geschöpft und über die Köpfe der Passanten gegossen wird. Innert kürzester Zeit sind alle platschnass.
Dann kommt mir ein Mädchen entgegen und schmiert mir aus einem Kesselchen Kalkpulver, das mit Wasser angerührt ist, ins Gesicht.
Foto: Artur K. Vogel
Die Songkran-Bräuche, die zweitägige Wasserschlacht ebenso wie die Kalkschmiere, haben einen religiösen Ursprung: Früher verwendeten Mönche die Kalkpaste, weil sie Schutz vor bösen Geistern, Reinigung und Erneuerung symbolisieren soll. Wasser gilt im Buddhismus als reines Element. Gläubige giessen Wasser, das mit Blüten parfümiert wird, aus vergoldeten Schälchen über Buddha-Statuen. Mit dem spirituellen Ritual soll der Geist von negativen Gedanken, von Gier, Hass und Ignoranz gereinigt werden. Man bezeugt damit Respekt, Hingabe und Dankbarkeit, weshalb Wasser auch über die Hände älterer Familienmitglieder gegossen wird. Zudem repräsentiert Wasser Wandel und Vergänglichkeit und soll die Gläubigen ermutigen, sich von weltlichen Begehrlichkeiten zu lösen.
Foto: Artur K. Vogel
Diese Traditionen leben auch an Songkran weiter, wenn bei Prozessionen in grösseren thailändischen Städten auf üppig mit Blumen geschmückten Anhängern Buddha-Statuen mitgeführt werden, die man mit Wasser bespritzt. Damit soll das anbrechende Jahr Glück und Segen bringen.
Thailänderinnen und Thailänder ebenso wie Touristinnen und Touristen erleben Songkran aber in erster Linie als zweitägige, ausgelassene Party, bei der kein Auge und auch sonst nichts trockenbleibt und am Schluss auch niemand mehr nüchtern ist. Wasserschlachten aus allen Landesteilen werden live im Fernsehen übertragen. Das hat nichts mehr mit Respekt, Hingabe und Dankbarkeit zu tun, aber sehr viel mit einer riesigen Gaudi, der sich niemand entziehen kann.
Für Songkran 2569 komme ich wieder, falls Buddha mir ein weiteres Jahr schenkt. Das ist versprochen.