Die Philippinen mit ihren 7641 Inseln sind ein traumhaftes Ziel für Strandferien. Aber ein Land lernt man nur kennen, wenn man auch seine Städte besucht. Artur war in Davao für ein Stadterlebnis, das er nicht vergessen wird.
Die Philippinen sind ein gefragtes Ziel für Badeferien und für Aktivitäten wie Schnorcheln, Tauchen, Bootsausflüge und Fischen. Ich erinnere mich an Ferien auf der langgezogenen Insel Palawan im Westen der Philippinen, an Bungalows direkt an langen, fast menschenleeren Sandstränden, an nächtliche Barbecues am funkenstiebenden Holzfeuer und an Fahrten in kleinen Motorbooten zu paradiesischen, oft versteckten und völlig einsamen Buchten auf vorgelagerten Inselchen. Das Wort zu Palawan, das man in Reiseberichten am häufigsten liest, ist «paradiesisch».
Man kann sich prächtig dem Müssiggang hingeben, aber auch wilde Nächte feiern: Boracay zum Beispiel, eine der beliebtesten Feriendestinationen Südostasiens, ist nicht nur wegen ihres kilometerlangen, weissen Sandstrandes bekannt, sondern auch für ausgelassene Partys.
Natürlich war die Versuchung gross, erneut in Palawan zu faulenzen. Ich aber habe mich für die härtere Tour entschieden: Philippinischen Städten eilt der Ruf voraus, eher mühsam und rau zu sein. Aber wenn ich ein Land besser kennenlernen will, muss ich auch Städte besuchen. Also bereise ich nacheinander Davao, Cebu und Angeles City.
Die drittgrösste Stadt der Philippinen
Von Kota Kinabalu, der Hauptstadt des malaysischen Bundesstaates Sabah in Nordost-Borneo, bin ich gut eintausend Kilometer quer über die Celebessee nach Osten geflogen. Davao mit fast zwei Millionen Einwohnern ist die drittgrösste Stadt der Philippinen und die wichtigste auf Mindanao, der zweitgrössten philippinischen Insel. Das Aussendepartement EDA rät von Reisen nach Mindanao ab: Es komme zu Kämpfen zwischen der Armee und bewaffneten Gruppierungen. Zudem bestehe ein Risiko von Anschlägen, Überfällen und Entführungen.
Foto: Artur K. Vogel
Eine explizite Ausnahme macht das EDA mit Davao. Weshalb soll ausgerechnet diese Grossstadt sicherer sein als ihr Umland? Auf der Suche nach Antworten stromere ich tage- und nächtelang durch die Stadt. Am Sonntag besuche ich die Kathedrale des Heiligen Petrus, einen brutalistischen Betonbau aus den 1960er-Jahren, Sitz eines Erzbischofs. Die Messe ist keine andächtige Angelegenheit wie bei uns. Gläubige kommen und gehen. Es wird geschwatzt, gelacht und gesungen. Alte Frauen rutschen auf Knien in Richtung des Altars. Fröhliche Familien präsentieren ihre frisch getauften Säuglinge für Fotos und Selfies.
Foto: Artur K. Vogel
Die Philippinen wurden von 1565 bis 1898 von Spanien beherrscht und intensiv missioniert. Etwa vier von fünf Filipinos sind katholisch. «Anders als bei euch gibt es hier noch eine weit verbreitete, echte Volksfrömmigkeit», sagt ein Priester, mit dem ich vor der Kathedrale schwatze. Meinen Einwurf, dass es auf den Philippinen weniger gesittet zu und her gehe als zum Beispiel im buddhistischen Thailand, will er nicht gelten lassen.
Morbider Charme und nächtliches Leben
An der San-Pedro-Strasse, der Hauptstrasse im Stadtzentrum, an der die Kathedrale steht, tagt auch der Stadtrat (die Legislative), und das alte Rathaus befindet sich ebenfalls hier. Mir fallen drei Dinge auf. Erstens die archaischen Transportmittel. Wie überall auf den Philippinen verkehren hier die sogenannten Jeepneys, unbequeme, enge, schlecht gefederte Kleinbusse, die an Weltkriegs-Jeeps aus den USA erinnern. Fahrradtaxis, genannte Redi-Cabs, funktionieren mit der Muskelkraft ihrer Fahrer, die meisten von ihnen sind von Motorrädern mit angebauter, rudimentärer Kabine für zwei bis vier Passagiere, genannt «Tricycles», abgelöst worden. Und natürlich sind Tuk Tuks allgegenwärtig.
Foto: Artur K. Vogel
Zweitens preisen sich Stundenhotels an, klimatisiert, mit Gratis-WIFI, drei Stunden für 168 Pesos oder umgerechnet 2.35 Franken. Und drittens reiht sich ein «Pawn Shop» an den nächsten, Läden, in denen man Habseligkeiten gegen ein bisschen Cash verpfänden kann. Ich betrete einen von ihnen: Billiguhren, Schmuck, alte Handys und Laptops, sogar Pfannen und Geschirr, die von ihren Vorbesitzern nicht mehr ausgelöst werden konnten, stehen zum Verkauf.
Foto: Artur K. Vogel
Davao wirkt an manchen Stellen vernachlässigt und hat einen morbiden Charme. Das New Davao Theatre, ein verlassenes Kino an der C.M. Recto Street, brannte Ende Mai 2024 samt benachbarten Gebäuden wie dem ebenfalls verlassenen Davao Hotel ab. Die Brandruinen sind auch nach mehr als einem Jahr nicht abgeräumt. Davao City gilt im nationalen Vergleich nicht als arme Stadt. Doch stolpere ich in schummerigen Nebengassen im Stadtzentrum nachts über Menschen, die auf den Trottoirs schlafen.
Foto: Artur K. Vogel
Mitten in der Finsternis eine gleissende Oase: Männer spielen an einem von Gaslaternen ausgeleuchteten Tisch ein improvisiertes Glücksspiel. Sie schreien, gestikulieren und beachten mich kaum. Aus den ärmlichen Häuserzeilen des nächtlichen Quartiers sticht ein modernes, hell erleuchtets Café hervor. Die Betreiberin heisst Margie und ist gut 40; zur Hand geht ihr ihre 18-jährige Nichte Kimberley. Da Englisch auf den Philippinen ab der Primarschule gelehrt wird, sind Gespräche viel einfacher als in manchem anderen südostasiatischen Land.
Foto: Artur K. Vogel
Häftling als Stadtpräsident
Margie serviert einen perfekten Espresso, und wir besprechen, wie ein Tourist mitten in der Nacht unbehelligt durch armselige Viertel einer Grossstadt wie Davao schlendern kann. Margie antwortet mit einem Namen: Rody Duderte. Hier die Story: 1972 rief Präsident Ferdinand Marcos den Notstand aus und regierte fortan diktatorisch. Gegen ihn gab es auf Mindanao einen kommunistischen Aufstand; antikommunistische Bürgerwehren versuchten, ihn niederzuschlagen. Auch islamistische Rebellengruppen wüteten mitten in der Stadt. Es gab jeden Tag Tote.
Foto: Artur K. Vogel
1988 wurde ein gewisser Rodrigo Duterte, Staatsanwalt, zum Stadtpräsidenten gewählt. Seine Botschaft an Kriminelle und Banden war simpel: Verschwindet, oder ich bringe Euch um. «Rody hat aus Davao eine sichere Stadt gemacht», sagt Margie. «Dafür lieben wir ihn» Aber er hat doch unzählige Menschen umbringen lassen und Todesschwadronen losgeschickt? Margie kommt in Fahrt: «Es wurden ja keine Unschuldigen ermordet, nur Banditen, Terroristen und Drogenhändler.»
Duterte regierte Davao mit Unterbrüchen von 1988 bis 2016, als er zum Staatspräsidenten gewählt wurde. Seine Nachfolgerin war seine Tochter Sara Duterte-Carpio, die ihrerseits seit 2022 Vizepräsidentin des Landes ist. Präsident ist Ferdinand Marcos Junior, der Sohn des gleichnamigen ehemaligen Diktators.
Nach Den Haag ausgeliefert
Präsident Marcos und Vizepräsidentin Duterte verbindet eine innige Feindschaft. Es war Marcos, der dafür sorgte, dass Rodrigo Duterte am 11. März 2025 verhaftet und an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ausgeliefert wurde. Er befindet sich in Holland im Gefängnis und wartet auf den Prozess wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Menschenrechtsgruppen schätzen, dass sein Krieg gegen Drogen und Kriminalität bis zu 30.000 Opfer forderte.
Foto: Artur K. Vogel
In Davao, der Hochburg seiner Familie, hat das seinen Ruf noch gefestigt. Als der Ex-Präsident, 79 Jahre alt, bereits in Holland im Gefängnis sass, wurde er am 12. Mai 2025 erneut zum Bürgermeister von Davao City gewählt – mit 89 Prozent der Stimmen –, sein jüngster Sohn Sebastian (37) gleichzeitig zum Vizebürgermeister. Die Wahlen sind längst vorbei, aber die Plakate für Rody und Baste hängen noch, ebenso grossflächige Affichen mit Gratulationen zu seinem Geburtstag.
Baden auf Bohol
Ich werde mit vielen gemischten Eindrücken aus Davao nach Cebu weiterreisen, der zweitgrössten philippinischen Stadt. Ganz auf den Strand will ich aber nicht verzichten. Bevor ich die Fähre von Tagbilaran, dem Hauptort der Insel Bohol, nach Cebu nehme, nächtigte ich eine Woche in einem preisgünstigen Mini-Resort namens «Positano» nahe der berühmten Alona Beach auf der kleinen Insel Panglao, von Bohol durch eine Meerenge getrennt, über die zwei Brücken führen.
Foto: Artur K. Vogel
Die Alona Beach ist ziemlich überlaufen; ich miete ein Motorrad, um an weniger belebte Strände zu gelangen. Und für einen Tag buche ich einen Gruppenausflug ins Innere der Insel Bohol und zu ihren Sehenswürdigkeiten. In der Ortschaft Baclayon unweit der Inselhauptstadt Tagbilaran steht die älteste Steinkirche der Philippinen aus dem 16. Jahrhundert. Die Chocolate Hills im Inselinnern wirken in der Trockenzeit, wenn das Gras braun wird, wie überdimensionierte Schoggiköpfli. Auf einen dieser 1268 halbkugelförmigen Hügel führt eine Strasse. Über eine lange Treppe erreicht man den höchsten Aussichtspunkt und blickt auf diese surreal wirkende Landschaft hinab, die sich über mehr als 50 Quadratkilometer erstreckt.
Foto: Artur K. Vogel
Zudem ist Bohol bekannt für die glupschäugigen Koboldmakis, hier «Tarsier» genannt. Die Tiere in völliger Freiheit zu sehen, ist nicht möglich. Dafür verstecken sie sich zu gut. Im Tarsier Sanctuary hingegen kann man sie beobachten.
Foto: Artur K. Vogel
Dann werden wir auch auf Bohol vom Massentourismus ereilt: Die Flusskreuzfahrt auf dem Loboc ist komplett durchorganisiert, vom Einchecken in einem Terminal über die Verteilung auf die Schiffe, das Essensbuffet bis zur ethnischen Tanz- und Gesangsvorführung auf einer Bambusplattform am Ufer. Auf Tripadvisor fand Christian L. aus Düsseldorf diese Folkloreshow «besonders schön». TB aus Köln hingegen meinte, «der Stopp bei dieser Freizeitpark-Ureinwohnerinsel war der grösste Touriblödsinn, den ich auf den Philippinen je gesehen habe». Mein Fazit läge irgendwo dazwischen.