Nach einem Aufenthalt in der Schweiz ist Artur wieder auf Achse. Er startet weit unten im Indischen Ozean auf der Höhe von Madagaskar und Mauritius. Dort, 9500 km südlich von Paris, hat sich Frankreich mit der Insel La Réunion ein exotisches Departement bewahrt.
«Ohne Auto geht auf der Insel gar nichts», hat man mich gewarnt. Deshalb habe ich nach einem elfstündigen Flug aus Paris im Flughafen der Inselhauptstadt Saint-Denis zum ersten Mal auf meiner Reise seit November 2024 eines gemietet. Doch mit Auto geht vorerst auch nicht viel: Auf den Strassen rund um die Grossstadt Saint-Denis stockt der Verkehr. Und auch später erinnert die Autobahn an die A1 bei Härkingen und Oensingen. Sogar in manchen Dörfern herrscht Stau. Für die 65 km zu meinem Airbnb im Städtchen Saint-Leu an der Westküste werde ich schliesslich fast zwei Stunden brauchen.
La Réunion ist dicht besiedelt. Im 16. Jahrhundert entdeckten portugiesische Seefahrer die Insel, die bis ins 17. Jahrhundert unbewohnt war. 1642 nahmen sie die Franzosen in Besitz. Sie legten Plantagen an, unter anderem für Zuckerrohr, und setzten für die harte Feldarbeit afrikanische Sklaven ein.
Nach Abschaffung der Sklaverei 1848 kamen Arbeitskräfte aus Indien, China und den Komoren. 1946 wurde La Réunion französisches Überseedepartement. Damals lebten rund 220’000 Menschen auf der Insel, die kleiner ist als der Kanton Tessin. Jetzt sind es fast 900’000. Die Siedlungen konzentrieren sich auf einem schmalen Streifen entlang der Küste; rund die Hälfte der Insel ist Naturschutzgebiet.
Aufregende Naturerlebnisse
Tatsächlich ist die Natur hier besonders dramatisch. Viele Touristen kommen vor allem ihretwegen. Wer auf Badeferien aus ist, reist eher auf die benachbarte Insel Mauritius, auf die Seychellen oder Malediven.
Vor rund drei Millionen Jahren stieg die Insel als Vulkan aus den Tiefen des Indischen Ozeans. Der höchste Kegel, Piton de Neiges, erhebt sich mehr als 3000 Meter über den Meeresspiegel und ist damit der höchste Berg im ganzen Indischen Ozean. Der kreolische Ausdruck «Piton» begegnet einem häufig auf der Insel; er bedeutet Berg, Gipfel, Fels- oder Vulkankegel. Piton de Neiges ist also der Schneeberg, obwohl es hier praktisch nie schneit.
Der spektakulärste Ort auf Réunion ist zweifellose der Piton de la Fournaise oder Glutofen-Gipfel im Südosten der Insel – wenn es denn nicht in Strömen regnet wie bei unserem Besuch und praktisch nichts zu sehen ist. Der Piton de la Fournaise, gut 2600 Meter hoch, ist einer der aktivsten Vulkane der Welt; er brodelt, zischt und blubbert fast ständig.
Foto: Ile de la Reunion Tourisme
Der Glutofen-Berg
Der letzte grosse Ausbruch begann am 19. September 2022 frühmorgens und dauerte volle drei Wochen. Damals spie der Vulkan riesige Lavafontänen aus; die Lavaströme ergossen sich über mehrere Kilometer, blieben aber auf das Gebiet des Vulkans beschränkt. Bei früheren Eruptionen floss glühende Lava bis hinunter zum Meer; noch heute spriesst aus der geschwärzten Landschaft nur zögernd neue Flora.
Der Piton Maïdo auf 2200 Metern Höhe ist, anders als der Piton de la Fournaise, zu dem man mühsam hinwandern muss, mit dem Auto über eine schmale Serpentinenstrasse erreichbar. Frühmorgens kommen die ersten Besucher für den Sonnenaufgang, später ganze Familien fürs Picknick. Vom Parkplatz aus führt eine Balustrade dem Abgrund entlang. Hinter ihr geht es tausend Meter senkrecht hinunter in den Cirque de Mafate, dessen Dörfer von hier oben wie Ansammlungen winziger weisser Würfel erscheinen.
Auf der gegenüberliegenden Seite dieser phänomenalen Landschaft erhebt sich die Bergkette mit dem Piton des Neiges als höchstem Gipfel. Dass man die Aussicht wirklich geniessen kann, ist aber nicht garantiert. Denn oft steigen vom Talboden Wolken mit grosser Geschwindigkeit zum Piton Maïdo auf und hüllen die Landschaft in dichten Nebel.
Die aufsteigenden Wolken entstehen dadurch, dass die Sonne den Talboden des Cirque de Mafate schneller als die höheren Lagen erwärmt, was zu Aufwinden führt. Diese treiben die feuchte Luft aus dem Talkessel in hohem Tempo nach oben, wobei sie zu Wolken kondensiert, die dann über die Kanten des Piton Maïdo hereinbrechen. Manchmal reisst die weisse Wolkenwand plötzlich auf und gewährt spektakuläre Ausblicke.
Foto: Artur K. Vogel
Drei natürliche Amphitheater
Der Cirque de Mafate ist übrigens kein Zirkus, sondern eines von drei wie Amphitheater geformte Täler mit steilen, bis zu 1000 Meter hohen Wänden, die hier «Remparts» genannt werden. Sie entstanden durch Erosion am erloschenen Piton-de-Neiges-Vulkan und sind für ihre zerklüftete Landschaft, isolierte Dörfer, Regenwälder und Wasserfälle bekannt.
Foto: Artur K. Vogel
Ausgedehntes UNESCO-Welterbe
Der Cirque de Mafate liegt an der nordwestlichen Flanke des Piton de Neiges und ist nur zu Fuss erreichbar (oder per Helikopter, wenn man unbedingt die Ruhe zerstören will). Sogar der Briefträger kommt per pedes. Der Cirque de Cilaos an der Südflanke des Piton des Neiges, tiefer als der Grand Canyon in Arizona, ist für seine Thermalquellen und für landwirtschaftliche Produkte wie die kleinen, aromatischen Cilaos-Linsen, für geräucherte Cilaos-Wurst, für Tamarinde und für Geranien bekannt, die zu ätherischem Öl verarbeitet werden. Der Cirque de Salazie schliesslich ist besonders üppig bewachsen und wartet mit einer Reihe von Wasserfällen auf wie dem berühmten Voile de la Mariée («Brautschleier»).
Zwei Fünftel der ganzen Insel in ihrer unendlichen, natürlichen Pracht stehen als «Pitons, Cirques and Remparts of Reunion Island» auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes.
Rum und Vanille
Während mehr als die Hälfte der Insel Naturschutzgebiet ist, können nur 20 Prozent oder rund 500 Quadratkilometer für die Landwirtschaft genutzt werden. Auf mehr als der Hälfte des Landwirtschaftslandes wird Zuckerrohr angebaut, für das die Insel im 17. Jahrhundert überhaupt erst besiedelt wurde. Im Süden wird auch viel Vanille angebaut, die man in diversen Qualitäten an manchen Ständen auf dem Samstagsmarkt von Saint-Pierre kaufen kann.
Über ein berühmtes Produkt aus Zuckerrohr lassen wir uns bei der Firma Isautier in der Gemeinde Saint-Pierre im Süden der Insel informieren. Isautier, 1845 von zwei eingewanderten Brüdern gegründet, ist die ältestes noch bestehende Rum-Brennerei auf Réunion. In ihrem Museum «La Saga du Rhum» erfahren wir alles über die Firmengeschichte. Und natürlich können wir die hochprozentigen Produkte degustieren, vom einfachen, weissen Rum bis zu lange in Holzfässern gelagerten Jahrgangs-Gewächsen und mit allen möglichen Ingredienzien aromatisiertem Rum.
Foto: Artur K. Vogel
Wenn Réunion nicht in erster Linie eine Badedestination ist, so gibt es trotzdem einige attraktive Strände. Bei Saint-Pierre liegt die Grand’Anse, ein weisser, von Palmen gesäumter Sandstrand mit natürlichem Felsbecken, das trotz starker Strömungen sicheres Baden ermöglicht. Die Plage de l’Ermitage bei Saint-Gilles-les-Bains an der Westküste lockt mit einer Lagune mit türkisfarbigem Wasser. Schnorchler finden hier intakte Korallenriffe.
Foto: Artur K. Vogel
Am Strand von Kélonia, etwas südlich von Saint-Gilles, bilden wir uns weiter, statt in der Sonne zu schmoren: Das Observatorium der Meeresschildkröten ist Museum, Forschungszentrum, Aufzuchtprogramm und Klinik für Schildkröten gleichzeitig. Einige Spezies dieser faszinierenden Tiere sind bereits ausgestorben oder akut gefährdet. In Kélonia werden verletzte Tiere gepflegt und aufgepäppelt; gerettete Jungtiere wachsen in Becken heran. Später sollen sie wenn möglich wieder in die Freiheit entlassen werden.
Besonders eindrücklich aber ist eine Sammlung des Mülls, der in den Verdauungsorganen von verstorbenen Schildkröten gefunden wurde: Flip-Flops, Bikini-Oberteile, Pet-Flaschen und Plastiktaschen, Feuerzeuge und Zigarerttenstummel, Fischernetze und Angelhaken. Der Existenzgrund für die maritime Institution ist klar: Besucher sollen für die Artenschutz sensibilisiert und zu vernünftigem Verhalten animiert werden.
Am Abend, im edlen Strandrestaurant «Sauvage» in Saint-Gilles, wollen es meine viel jüngeren Begleiter nicht glauben, dass wir vor einigen Jahrzehnten noch Schildkrötensuppe gegessen haben. Als «Lady Curzon» stand sie, mit einem Schuss Sherry verfeinert, auf dem Vorspeisen-Menü schicker Restaurants. Heute käme niemand mehr auf die Idee, sich Schildkröte servieren zu lassen. Irgendwie scheinen wir doch lernfähig.
Travel Basics
Hinkommen Die Airlines Air Austral und Air France fliegen ab Paris (mit Zubringer ab der Schweiz) direkt nach Saint-Denis. Wer mit der lokalen Air Austral fliegt, kann mit dem «Pass Îles Vanille» vergünstigte Anschlussflüge, z. B. auf die Seychellen, buchen. Alternative: mit Edelweiss bis Mauritius, dann weiter mit Air Austral.
Reinkommen Für die Einreise reichen Pass oder ID.
Rumkommen Wer viel sehen will, kommt um einen Mietwagen nicht herum.
Reisezeit Mai bis November haben angenehme Temperaturen zwischen 20 und 30 Grad und weniger Niederschlag. Aber auch die Regenzeit hat ihren Reiz mit üppig-grünen Landschaften und wenig Touristen.