- Vogel unterwegs (28)
Java, die Insel der Superlative
Von Sumatra ist Artur nach Java geflogen, der indonesischen Hauptinsel. Java ist extrem dicht besiedelte. Trotzdem findet man auch hier, neben allen Menschenmassen, beschauliche Ecken.
Java lässt einen sprachlos: Aus dem Flugzeug präsentiert sich die riesige Insel wie eine fast flächendeckende Grossstadt. Zahlen bestätigen den Eindruck: Java ist mit 132.000 Quadratkilometern gut dreimal so gross wie die Schweiz. Es leben aber 160 Millionen Menschen auf der Insel, was vergleichbar wäre mit einer Schweizer Bevölkerung von 50 Millionen. Der Ballungsraum der indonesischen Hauptstadt Jakarta in Javas nordwestlicher Ecke allein zählt laut Daten des UNO World Urbanization Prospect 42 Millionen Einwohner – die grösste städtische Agglomeration der Welt, so gross wie Paris, London, Berlin und New York City zusammen.
Ich habe Jakarta links liegenlassen und bin direkt nach Yogyakarta gereist. Mit einer Agglo von rund anderthalb Millionen Menschen ist auch das nicht gerade ein Dorf, und der Verkehr nimmt es mit jeder Metropole auf. Aber immerhin ist die Stadt, in der Mitte von Java gelegen, einigermassen überschaubar.
Genau wegen dieses Verkehrs habe ich einen Guide mit Motorroller gebucht, nicht mit einem Auto. Die 22-jährige Caca (ausgesprochen «Tschatscha») holt mich in meinem Gästehaus ab, stülpt mir einen Motorradhelm über und fährt mit mir als gewichtigem Passagier los. Caca, die Tourismus studiert, erweist sich als perfekte Fremdenführerin, weil sie sehr gut Englisch spricht und auf jede Frage eine Antwort weiss.
Yogyakarta ist die Hauptstadt der gleichnamigen indonesischen Sonderregion, die ihrerseits identisch ist mit dem seit 1755 bestehenden Sultanat (Königreich). Yogyakarta ist ein Kuriosum in der Republik Indonesien: Gemäss einem Vertrag mit dem Zentralstaat wird der Gouverneur nicht vom Volk gewählt, sondern das Amt wird vom regierenden Sultan in Personalunion ausgeübt. Hamengku Buwono X., seit 1989 im Amt und 80 Jahre alt, ist der einzige traditionelle regionale Herrscher in Indonesien, der heute noch politische Macht besitzt.
Caca fährt mich zum Keraton Ngayogyakarta Hadiningrat, dem Sultanspalast. Der Keraton ist kein Palast im europäischen Sinn; wer an Buckingham oder Elysée denkt, liegt falsch. Vielmehr finden wir im Keraton diverse, über einen Park verstreute Pavillons und seitlich offene, überdachte Veranstaltungsräume, ein Museum und die Residenz des Sultans, die man von einer Absperrung aus beäugen kann. Im Palast finden auch Vorführungen traditioneller Musik und lokaler Tänze statt. Der Keraton, obwohl von imposanten, weiss getünchten Festungsmauern umgeben, steht für einen direkten Bezug zwischen dem Herrscher und der Stadtbevölkerung.
Foto: Artur K. Vogel
Neben dem Keraton und von diesem durch ein kunstvolles Tor verbunden, liegt der Wasserpalast Taman Sari (was übersetzt «Schöner Garten» heisst). Angelegt Mitte des 18. Jahrhunderts, war das der Ort, wo sich frühere Sultane mit ihren Frauen, Konkubinen und Kindern verlustierten. Es gibt inmitten von Gärten einen Badekomplex mit drei grossen Becken – zwei für Frauen und Kinder, welche der Sultan von einem Turm aus beobachten konnte, und eines für den Herrscher selbst.
Foto: Artur K. Vogel
Keraton und Taman Sari wurden zweimal durch Erdbeben schwer beschädigt und jeweils wieder aufgebaut: im Juni 1867 und wieder am 27. Mai 2006. Das Beben vor 20 Jahren richtete in der ganzen Stadt massive Schäden an; fast 6000 Menschen kamen ums Leben. Yogyakarta ist besonders gefährdet: Erstens ist einer der aktivsten Vulkane der Erde, der Merapi, weniger als 30 km entfernt. Zweitens liegt Yogyakarta direkt an einem Bruch in der Erdkruste. Und drittens droht auch Gefahr von massiven Seebeben an der Südküste, ebenfalls nur 25 km entfernt.
Foto: Artur K. Vogel
Für die meisten Touristen ist Yogyakarta allerdings nur die Nebendarstellerin, während die Hauptrollen von zwei berühmten Unesco-Weltkulturerbestätten gespielt werden: dem Tempelkomplex von Prambanan und dem Tempel von Borobodur.
Der archäologische Park von Prambanan besteht aus vier Hauptanlagen, die man bequem zu Fuss oder in elektrischen Golfcharts erkunden kann. Das prächtigste, fast 1200 Jahre alte Ensemble ist der hinduistischen Dreifaltigkeit gewidmet: Shiva (der Zerstörer) steht hier im Mittelpunkt; in seinem 47 Meter hohen Heiligtum steht eine imposante Statue. Links und rechts sind die Heiligtümer von Brahma (dem Schöpfer) und Vishnu (dem Bewahrer).
Diese Tempel und eine Reihe kleinerer zerfielen im Lauf der Jahrhunderte, konnten aber rekonstruiert werden. Dutzende weitere liegen noch immer als schwarze Basalt-Trümmerhaufen da. Dass sie jemals wieder aufgebaut werden, ist unghewiss, da die Menschen aus der Umgebung die Anlagen jahrhundertelang als Reservoirs für Baumaterial benutzt hatten.
Drei weitere Tempel im selben Park sind Buddha gewidmet und demonstrieren das friedliche Nebeneinander der Religionen im früheren Königreich. Ganz im Norden des Parks liegt die Sewu-Tempelanlage, leider nur vom Zaun aus zu betrachten. Sewu besteht aus 249 Bauwerken. Zwei riesige Wächterstatuen flankieren den Eingang.
Foto: Artur K. Vogel
Etwa 40 km nordwestlich von Yogyakarta liegt Borobudur, der grösste buddhistische Tempel der Welt, erbaut im 8. und 9. Jahrhundert und damit viel älter als Angkor Wat in Kambodscha. Borobudur ist als dreidimensionales, kreisförmiges Mandala gebaut und soll den Weg zur Erleuchtung symbolisieren. Auf der untersten Ebene wird auf Reliefs die Welt der Begierde dargestellt. Auf der zweiten Ebene erzählen Reliefbänder das Leben Buddhas und seine Lehren. Auf drei kreisförmigen obersten Terrassen stehen 72 Stupas, in deren Inneren sich Buddha-Statuen befinden, und ganz zuoberst die grosse Hauptstupa als Symbol für das Nirwana.
Foto: Artur K. Vogel
Die Visite von Borobodur ist durchorganisiert und durchgetaktet. Man darf sich nur mit Guide im Tempel bewegen, und die Besuchszeit ist limitiert. Die Einschränkungen und die unübersehbaren Touristernmassen könnten einem den Besuch vergällen. Doch Borobodur ist so gigantisch und so einmalig, dass man das alles auf sich nimmt, um ihn zu erleben.
Foto: Artur K. Vogel
Von Yogyakarta fahre ich weiter in die Stadt Surabaya im Nordosten von Java. Die «Exekutivklasse» der KAI, der Indonesischen Eisenbahn, für die vierstündige Fahrt erweist sich als äusserst bequem. Und der Zug fährt auf die Minute pünktlich ab, was einige deutsche Mitreisende in Erstaunen versetzte, die sich solches von der Deutschen Bahn nicht gewohnt sind.
Für Surabaya, die zweitgrösste Stadt Indonesiens (drei Millionen im Stadtgebiet, zehn Millionen in der Agglo) habe ich mich wegen eines Songs von Bertold Brecht und Kurt Weill entschieden. «Surabaya Johnny» ist ein bitteres Liebeslied einer Frau an ihren liederlichen und treulosen Johnny, der als Seemann von Surabaya aus die Meere bereist. Die (unvollständige) Aufzählung der Interpretinnen ist eine Liste weiblicher Superstars vergangener Zeiten: Lotte Lenya, Marlene Dietrich, Milva, Bette Midler, Marianne Faithfull, Nina Hagen, Ute Lemper.
Ich steige im Hotel «Grand Inna Tunjungan» ab, einem Viersterne-Haus, wo das Zimmer trotz aller Eleganz nur 26 Franken pro Nacht kostet. Es liegt in einem Quartier, wie ich sie mir in Städten immer wieder suche: Tunjungan, bereits zur niederländischen Kolonialzeit das Zentrum des städtischen Lebens, ist geprägt von kolonialer Architektur und modernen Wolkenkratzern. Touristen gibt es in Surabaya kaum. Doch das Viertel mit einer riesigen Mall, zahllosen Cafés, Restaurants in allen Preisklassen, Strassenkunst und Live-Musik ist sehr belebt.
Foto: Artur K. Vogel
Auch in Surabaya habe ich eine Stadtführung gebucht und treffe Citra in einem Park umgeben von imposanten weissen Kolonialbauten. Die Rote Brücke über den Fluss Kalimas heisst nicht nur wegen ihrer Farbe so, sondern auch wegen des vielen Blutes, das hier während der Revolution 1945 floss. Jenseits der Brücke verändert sich das Stadtbild. Ein rotes Eingangstor markiert die Chinatown. Enge Gassen, vorbei an alten chinesischen Geschäftshäusern und traditionellen Tempeln, führen uns zum Pasar Pabean. Im engen, jahrhundertealten Markt werden Früchte, Gemüse und Gewürze gehandelt; im hinteren Teil befindet sich, von weitem zu riechen, ein Fischmarkt.
Foto: Artur K. Vogel
Unmittelbar neben dem Tor zur Chinatown werde ich an meinen früheren Beruf erinnert: In einem eleganten kolonialen Bau wird die lokale Tageszeitung «Radar Surabaya» produziert. Ein so gediegenes Redaktionsgebäude habe ich während meiner Laufbahn nie erlebt.
Foto: Artur K. Vogel
Hinkommen Tägliche Flüge von Kuala Lumpur und Singapur nach Yogyakarta und Surabaya; nach Surabaya zusätzlich ab Hongkong. Sonst Umsteigen in Jakarta oder Denpasar (Bali).
Reinkommen Für die Einreise nach Indonesien ist ein Visum nötig, das man online oder beim Grenzübertritt erhält. (Im zweiten Fall kostet es 500.000 Indonesische Rupien oder gut 20 Franken; es kann mit Kreditkarte bezahlt werden.) Zudem muss online eine Arrival Card ausgefüllt werden. Achtung: Unbedingt die offizielle Webseite nutzen, wo die Arrival Card gratis zu haben ist: allindonesia.imigrasi.go.id/. Wer über Google einsteigt, gerät zuerst an private Anbieter, die Phantasiepreise verlangen. Das Visum beim Grenzübertritt ist 30 Tage gültig; bei Migrationsbehörden in grösseren Städten kann es um weitere 30 Tage verlängert werden.
Rumkommen Das beste Verkehrsmittel auf Java ist die Bahn (buchbar direkt über die App der Bahngesellschaft: access by KAI, zusätzlich auch bei tiket.com und easybook). Man kann auch fliegen.
Reisezeit In Yogyakarta und Surabaya herrschen ganzjährig tropische Höchsttemperaturen von über 30 und Tiefsttemperaturen über 20 Grad Celsius. Beste Reisezeit ist April bis Oktober mit den wenigsten Regentagen, wobei im Juli und August in Yogyakarta und den Tempeln besonders grosser Andrang herrscht. Die Regenzeit dauert von November bis März.
Informationen: indonesia.travel/de/de; visitingjogja.jogjaprov.go.id/en/; surabayatourism.com