Den fünften Kontinent im Rhythmus der Schienen erleben: Der Indian Pacific bringt unseren Redaktor Matt in meditativem Tempo durch Wüsten, Weizenfelder und faszinierende Städte von Sydney nach Perth. Ein Bahnabenteuer auf 4350 Kilometern.
«All aboard» hallt es durch die Sydney Central Station. An diesem kühlen Nachmittag breche ich in der schönsten Hafenstadt der Welt zu einem transkontinentalen Bahnabenteuer auf. Gemächlich wird der Indian Pacific in vier Tagen von der Sydney Harbour Bridge zum Indischen Ozean quer durch Australien ruckeln.
Mit meinen 60 Jahren drücke ich den Altersdurchschnitt der Passagiere deutlich nach unten. Den überwiegenden Gästeanteil machen einheimische Senioren aus, die mich als reisefreudigen Ausländer schon bald nach der Abfahrt adoptieren. Wir verstehen uns auf Anhieb. Beim Abendessen an Bord im Queen Adelaide Restaurant teile ich den Tisch mit Brian und Lucy, einem Ehepaar aus Melbourne, das dem kühlen Südwinter entflieht. Das regional inspirierte Menu schmeckt ausgezeichnet und erlesene australische Weine begleiten den Schmaus. «Lasst uns noch einen Absacker in der Lounge geniessen» schlägt Brian später vor. Es wird ein gemütlicher Abend an der Bar.
Foto: Journey Beyond
Der Indian Pacific ist ein legendärer, bis zu 774 Meter langer Fernzug, welcher die australische Ost- mit der Westküste verbindet. Der Zug besteht aus rund 30 Wagen, gezogen von zwei markanten gelb-blauen Lokomotiven. An Bord gibt es verschiedene Komfortklassen: Die luxuriöse Platinum-Klasse mit geräumigen Kabinen und Gourmet-Essen, Gold Premium mit topmodernen Kabinen und eigener Lounge und Restaurant sowie die Gold-Klasse mit bequemen Schlafkabinen und Restaurantwagen. In den stilvollen Speise- und Loungewagen geniessen Reisende exzellente Verpflegung und Ausblicke auf spektakuläre Landschaften – von den Blue Mountains bis zur endlosen Nullarbor-Ebene.
Foto: Journey Beyond
Am nächsten Morgen stoppen wir im Landesinnern in Broken Hill, einer Minenstadt im sengenden Westen von New South Wales. Gäste haben hier die Auswahl an einem von vier Ausflügen teilzunehmen. Unsere Weiterreise führt erst durch karges Steppengebiet, dann verlieren wir bei Peterborough an Höhe und erreichen die Küstenebene. Während der Zug durch immer grüner werdende Landschaften mäandert, lasse ich die vor den Panoramafenstern vorbeiziehenden Kontraste auf mich wirken. Beim Stopp in Adelaide sind erneut vier Tourvarianten im Fahrpreis eingeschlossen. Ich entscheide mich für den Besuch des wunderbaren Central Market. Gemüse, Früchte, Fisch, Käse, Wein – mein kulinarisches Herz hüpft und ich kann mich kaum sattsehen am überwältigenden Angebot.
Bald nachdem sich der Zug wieder in Bewegung gesetzt hat, schlafe ich von beruhigenden Abrollgeräuschen begleitet ein. Letzte Nacht lag ich noch lange wach, weil ich aus Vorfreude auf die Reise wohl zu aufgeregt war. Zudem gab es unzählige Geräusche, an die ich mich erst gewöhnen musste: Hier quietschte eine Türe, da duschte jemand und zu später Stunde waren gutgelaunte Nachtschwärmer auf dem Weg zu ihrer Kabine. Zwischendurch dröhnte das Horn der vorderen Lokomotive durch die Stille der Nacht. Wahrscheinlich weideten Rinder oder Schafe nahe der Bahnlinie und der Lokführer scheuchte sie lautstark weg. In einem Fernzug zu schlafen, ist definitiv anders als zu Hause, aber in Sachen Komfort fehlt es mir hier wirklich an nichts. Als ich am Morgen aus dem Fenster blinzle, sind wir bereits entlang der Great Australian Bight im Süden unterwegs – ich habe durchgeschlafen.
Foto: Journey Beyond
Gegen Mittag erreichen wir Cook etwas in der Mitte der Grossen Australien Bucht – Anzahl Einwohner: vier! Die 1997 stillgelegte ehemalige Eisenbahnstadt ist der einzige fahrplanmässige Stopp inmitten der unendlichen Nullarbor Plain. In Richtung Westen verläuft die längste gerade Bahnlinie der Welt – 478 Kilometer ohne eine Kurve. Mit der sichtbaren Erdkrümmung verlieren sich die Schienen im baumlosen Nichts, als ob sie über den Horizont kippen würden.
Foto: Matthias Reimann
Am Abend halten wir bei Rawlinna Station. Die Farm beherbergt 80 000 Schafe, ihre Fläche würde ein Viertel der Schweiz bedecken. Jetzt, im Winterhalbjahr, geniessen wir feine Häppchen am wärmenden Lagerfeuer. Zwischen Oktober und März käme ich hier in den Genuss eines köstlichen Open Air Abendessens – inklusive weissen Tischtüchern und Kerzenlicht.
Am letzten Morgen durchqueren wir von der Goldgräberstadt Kalgoorlie herkommend den Wheatbelt. In diesem 300 mal 400 Kilometer grossen Gebiet bauen Farmer im industriellen Stil Getreide an. So fahren wir stundenlang an Weizenfeldern vorbei, bevor sich der Zug durchs hügelige Hinterland von Perth dem Avon River entlang schlängelt.
Nach vier Tagen und drei Nächten im Zug treffen wir am anderen Ende des Kontinents ein. Brian und Lucy reisen weiter in die tropische Kimberley Region. 28 Grad sind für sie eine angenehmere Option als Wintertemperaturen im heimischen Melbourne.
Australien in Slow Motion zu bereisen, war wunderbar. Trotzdem kann ich es kaum erwarten, liebe Freunde wiederzusehen. Als wir in East Perth einfahren, stehen sie am Bahnsteig und winken mir zu. Ich freue mich unbändig, in meine Wahlheimat zurückzukehren, in der ich viele Jahre gelebt habe.
Foto: Matthias Reimann
Travel Basics
Hinkommen Von der Schweiz nach Sydney gibt es regelmässige Flugverbindungen ab Zürich mit Zwischenstopps, zum Beispiel mit Emirates, Swiss oder Singapore Airlines. Die Flugzeit beträgt je nach Verbindung rund 22 bis 24 Stunden.
Reinkommen Für die Einreise nach Australien benötigen Schweizer Staatsbürger einen gültigen Reisepass sowie ein vorab online beantragtes Visum. Für Ferienreisen ist dies das kostenlose eVisitor-Visum für Aufenthalte bis zu drei Monaten.
Zugreise Der Indian Pacific verbindet Sydney und Perth. Die Fahrt dauert 4 Tage/3 Nächte mit 8 inkludierten Mahlzeiten. In der Gegenrichtung sind es 5 Tage/4 Nächte mit 11 Mahlzeiten. Teilstrecken wie zum Beispiel Perth–Adelaide oder Sydney–Broken Hill sind ebenfalls buchbar. Abfahrten finden ab Sydney mittwochs und ab Perth samstags statt. Ein Preisbeispiel für die Strecke Sydney–Perth in der Gold Twin Kabine liegt bei rund AUD 3.790 pro Person (Stand Februar 2025).