Von Banda Aceh ist Artur in mehreren Etappen mit dem Bus nach Medan gefahren, der wichtigsten Stadt auf Sumatra, und von dort an den Tobasee. Der grösste Kratersee der Welt ist voller Mythen und Geschichten.
Der Tobasee liegt auf 900 Metern über Meer und ich hoffte, der drückenden, feuchten Hitze zu entkommen, wie ich sie in Banda Aceh und Medan erlebt hatte. Auf der Landkarte von Sumatra wirkt der See wie ein etwas in die Länge gezogenes, ausgefranstes Spiegelei, mittendrin die Insel Samosir wie ein Eigelb, das leicht gegen den einen, westlichen Rand gerutscht ist. Was man auf Google Maps nicht richtig einschätzt, sind die Dimensionen: Der Tobasee hat zweimal die Fläche des Bodensees und ist an der tiefsten Stelle mit mehr als 500 Metern auch doppelt so tief wie dieser; und Samosir ist grösser als gewisse bekannte Mittelmeerinseln wie Ibiza oder Korfu.
Wir sind von Medan, der Grossstadt mit zweieinhalb Millionen Einwohnern, nach Siantar gefahren, einer bedeutenden Provinzstadt. Dabei kamen wir an riesigen Plantagen von Kautschuk, Kokos- und Ölpalmen vorbei, dazwischen Reisfelder bis an den Horizont. Indonesien ist der weltweit grösste Produzent von Palmöl, der zweitgrösste von Kokosnüssen und der viertgrösste von Reis, wie mein Fahrer Ringgo stolz vermerkt. Um die Plantagen anzulegen, wurden Tausende von Quadratkilometern Regenwald zerstört; das ist die andere Seite der Medaille.
Foto: Artur K. Vogel
Gewaltiger Vulkanausbruch
In Siantar hört die Autobahn auf; die Strasse windet sich nun stetig bergauf. Schliesslich, jenseits einer Kuppe, taucht der See vor uns auf, mitten in eine liebliche, grüne Hügellandschaft gebettet. Seine Entstehung war allerdings alles andere als friedlich: Der Tobasee ging vor 74’000 Jahren aus der gewaltigsten Vulkaneruption hervor, die die Welt jemals erlebt hat. 2800 Kubikkilometer Gestein, Asche und Schwefeldioxid wurden bis in die Stratosphäre geschleudert; es kam zu massiven Veränderungen des Klimas.
Der Einsturz der Magmakammer hinterliess die riesige Caldera, 100 Kilometer lang und bis zu 30 Kilometer breit, die sich später mit Wasser füllte. In ihrer Mitte hob sich durch weitere vulkanische Aktivität die Insel Samosir.
Ob die Menschheit wegen der Naturkatastrophe auf Sumatra beinahe ausgestorben wäre, wie ältere Theorien besagen, oder ob die globalen Auswirkungen weniger dramatisch waren, wie neuere Forschungen suggerieren, kann ich natürlich nicht beurteilen. Was sicher ist: Damals war Toba das Epizentrum der Erde. Heute ist es eine eher abgelegene Gegend auf der indonesischen Insel Sumatra, was gerade ihren Charme ausmacht.
Nach der Ankunft in Parapat am östlichen Seeufer bin ich über eine schmale Holzplanke auf eine altmodische Fähre gelangt und für 25.000 Indonesische Rupien, das ist 1.10 Franken, zum Ferienort Tuktuk Siadong auf der Insel Samosir getuckert. Das Holzboot legt direkt am Resort an, das für zwei Wochen zu meinem persönlichen Epizentrum werden soll: Die Tabo Cottages gehören der Deutschen Annette Horschmann, die seit langem hier lebt.
Foto: Artur K. Vogel
Eine Halbinsel für alles
Tuktuk Siadong ist das touristische Zentrum der Insel. Sein kurioser Name hat nichts mit den gleichnamigen dreirädrigen Motorrikschas zu tun, wie man sie in vielen asiatischen Städten als Transportmittel nutzt. Dewi Siallagan, die in Tuktuk eine Apotheke besitzt und mit ihrem Ehemann, dem Schweizer Felix Amann, gerade ein kleines Resort baut, klärt mich auf: Der Ort liegt auf einer Halbinsel im See, und in der Sprache der Toba-Batak, zu denen Dewi gehört, bedeutet Tuktuk «Kap» oder «Landzunge».
Foto: Artur K. Vogel
Der zweite Teil des offiziellen Namens, Siadong, leitet sich vom Batak-Wort für «geben» ab und wurde vor rund 50 Jahren eingeführt, als sich der Ort zum touristischen Zentrum der Insel mauserte. Tuktu Siadong bedeutet also in etwa «die Halbinsel, auf der es alles gibt». Das Ufer ist von kleinen Hotels, Gästehäusern und Restaurants gesäumt. Ein einziges, überdimensioniertes Fünfsternehotel wirkt in dieser Umgebung wie ein architektonisches Geschwür. Vom Seeufer schweift der Blick über das ruhige Wasser hinüber zu den steilen, grün bewachsenen Hängen des ehemaligen Kraters.
Foto: Artur K. Vogel
Kannibalen und Kopfjäger
Die Bewohner rund um den See gehören überwiegend zum Volk der Toba-Batak. Europäische Reisende im 19. Jahrhundert berichteten mit sensationslüsternem Schaudern über Kopfjagd und rituellen Kannibalismus der Batak. «Meine Vorfahren waren tatsächlich Kannibalen», lacht Dewi und fordert mich auf, die historische Stätte zu besuchen, die nach ihrem Clan benannt ist: Kampung Huta Siallagan im Dorf Ambarita, etwa eine Viertelstunde mit dem Miet-Motorroller von Tuktuk entfernt.
Man tritt durch ein steinernes Tor ins Dorf, bezahlt eine Eintrittsgebühr von umgerechnet 45 Rappen und sieht zwei Reihen traditioneller Batak-Häuser und in ihrer Mitte die Zeugnisse für die blutige Vergangenheit: Unter einem verwitterten alten Baum stehen steinerne Stühle. Auf diesen richteten der König, der Schamane und die Dorfältesten über Angeklagte und Kriegsgefangene. Etwas ausserhalb der Häuserzeilen steht die Richtstätte, wo Todesurteile durch Enthaupten vollstreckt wurden.
Foto: Artur K. Vogel
Im 19. Jahrhundert missioniert
Ab 1860 wurde die Region von deutschen Protestanten, später auch von niederländischen Katholiken missioniert, und die kannibalistischen Praktiken verschwanden. Heute prägen Kirchen, die mir oft ziemlich exotisch vorkommen, neben den traditionellen Batak-Häusern mit ihren geschwungenen Giebeln die Landschaft.
Foto: Artur K. Vogel
Manche traditionellen Bräuche haben sich trotzdem erhalten, etwa die aufwendigen Familienfeste und Bestattungsriten. Dewi nimmt mich zu einer Hochzeitsfeier und, ein paar Tage später, zu einer Trauerfeier im Kreis ihrer ausgedehnten Familie mit. Die Feiern ähneln sich; beide werden von dröhnender Musik und ebenso dröhnenden Reden untermalt. Und beide laufen nach klar definierten Ritualen ab. So ist genau bestimmt, wie stark Frauen für die Hochzeit geschminkt sein müssen – je enger der familiäre Grad, desto mehr Schminke – wie viel Geld und welche Ulos man dem Hochzeitspaar oder den Hinterbliebenen schenkt. Ulos sind traditionelle, handgewebte Stoffe, die bei Feiern in Bahnen über der Schulter getragen werden und als Symbole für göttlichen Segen, Schutz, Respekt und familiäre Verbundenheit gelten.
Die alten Begräbnis-Riten schlagen sich übrigens, ebenso wie die Kirchen und die Batak-Häuser, im Landschaftsbild nieder: Mitten in den Feldern oder Dörfern stehen mehrstöckige steinerne Familiengräber, die oft wie kleine Häuser wirken. Verstorbene werden zuerst in der Erde bestattet; Jahre oder Jahrzehnte später aber werden ihre sterblichen Überreste in diese Familien-Grabstätten umgebettet. Die zweite Bestattung ist sehr teuer; sie findet im Rahmen einer grossen Familienzeremonie statt, und unter anderem müssen dafür Wasserbüffel geschlachtet werden.
Foto: Artur K. Vogel
Irgendwann muss ich weiter, aber der Abschied vom beschaulichen Tuktuk und seinem gemächlichen Lebensrhythmus fällt mir, ich gebe es zu, schwerer als anderswo.
Travel Basics
Hinkommen Tägliche Flüge von Kuala Lumpur, Singapur, Bangkok und Jakarta nach dem Flughafen Kuala Namu, Medan.
Reinkommen Für die Einreise nach Indonesien ist ein Visum nötig, das man online oder beim Grenzübertritt erhält. (Im zweiten Fall kostet es 500.000 Indonesische Rupien oder rund 20 Franken; es kann mit Kreditkarte bezahlt werden.) Zudem muss online eine Arrival Card ausgefüllt werden. Achtung: Unbedingt die offizielle Webseite nutzen, wo die Arrival Card gratis zu haben ist: allindonesia.imigrasi.go.id/. Wer über Google einsteigt, gerät zuerst an private Anbieter, die Phantasiepreise verlangen.
Rumkommen Von Medan mit dem Bus (buchbar über die Apps von redbus oder easybook, ca. 10 Franken) oder einem privaten Transport (ca. 55 Franken) nach Parapat, von dort mit der Fähre (ca. 1.25 Franken) nach Tuktuk Siadong. Auf der Insel Samosir bewegt man sich am besten mit gemieteten Motorrollern (ca. 7 Franken pro Tag).
ReisezeitDie beste Reisezeit ist die Trockenzeit Mai bis September. Allerdings ist der Tobasee im Juli/August eher überlaufen. Im April und Oktober ist das Wetter wechselhafter, aber oft sehr gut. Während der Regenzeit von November bis März kann es neben kurzen, heftigen Regengüssen auch zu Tropenstürmen und Überschwemmungen kommen.
FAQ Tobasee Sumatra - Häufigste Fragen & Antworten
Wo liegt der Tobasee?
Der Tobasee liegt im Norden der indonesischen Insel Sumatra in der Provinz Nordsumatra. Er befindet sich rund vier bis fünf Fahrstunden von Medan entfernt und zählt zu den bekanntesten Naturattraktionen Indonesiens.
Warum ist der Tobasee so besonders?
Der Tobasee ist der grösste Kratersee der Welt. Er entstand nach dem Ausbruch des Supervulkans Toba vor rund 74’000 bis 75’000 Jahren. In seiner Mitte liegt die grosse Insel Samosir, die für ihre Batak-Kultur und ihre beeindruckende Landschaft bekannt ist.
Wie gross ist der Tobasee?
Der Tobasee ist rund 87 Kilometer lang und bis zu 27 Kilometer breit. An seiner tiefsten Stelle misst er über 500 Meter und gehört damit zu den tiefsten Seen Südostasiens.
Wie gelangt man zum Tobasee?
Die meisten Reisenden fliegen nach Medan und fahren von dort mit Bus oder Auto nach Parapat. Von Parapat verkehren regelmässig Fähren zur Insel Samosir, dem touristischen Zentrum des Tobasees.
Lohnt sich eine Reise zum Tobasee?
Ja. Der Tobasee begeistert mit spektakulären Ausblicken, angenehmem Klima, traditionellen Batak-Dörfern und einer ruhigen Atmosphäre. Wer Sumatra abseits der bekannten Touristenpfade entdecken möchte, findet hier eines der eindrucksvollsten Naturwunder Indonesiens.
Journalist, Buchautor und Reise-Connoisseur – ehemaliger Auslandkorrespondent des Tages-Anzeigers (London, Nahost) und Chefredaktor des Berner «Bund», bereiste über 70 Länder auf allen Kontinenten.