Artur war in Banda Aceh in Indonesien unterwegs. Ein Ort zwischen Trauma und strenger Frömmigkeit, wo die Narben des verheerenden Tsunamis von 2004 auf eine Gesellschaft treffen, die heute konsequent nach der Scharia lebt.
Mit Hans aus Dänemark kam ich im Dezember 2025 im Gästehaus «Seafever» auf Mauritius ins Gespräch. Hans hatte jahrzehntelang für das dänische Rote Kreuz gearbeitet. Als ich ihm von meinen Plänen erzählte, Banda Aceh in Indonesien zu besuchen, die Provinzhauptstadt an der Nordspitze der Insel Sumatra, kam er ins Grübeln. Er habe in Banda Aceh gelebt, sagte er. «Du wirst dich unwohl fühlen. In Aceh mag man Ausländer nicht.»
Dabei war Hans gekommen um zu helfen: Banda Aceh war jener Ort im Indischen Ozean, der am 26. Dezember 2004 vom Tsunami am härtesten getroffen wurde. Zuerst erschütterte ein gewaltiges Unterseebeben der Stärke 9,1 vor Sumatras Küste die Stadt. Danach raste ein riesige, bis 30 Meter hohe Wasserwalze mit 800 km/h über den Ozean und traf Banda Aceh Minuten später mit zerstörerischer Wucht.
Die Fluten strömten kilometerweit ins Landesinnere, rissen Schiffe, Häuser, Autos mit. Im Ortsteil Punge Blang Cut inmitten einiger sorgfältig erhaltener Ruinen und neben einer Moschee steht ein 2600 Tonnen schwerer, schwimmender Offshore-Generator. Das Mahnmal nennt sich «Museum PLTD Apung»; PLTD ist das indonesische Kürzel für «Dieselkraftwerk», «apung» heisst «schwimmend».
Unglaublich eindrücklich, vor diesem riesigen Wrack zu stehen und sich vorzustellen, dass es von den gigantischen Tsunami-Wellen vom Hafen, wo es vertäut war, losgerissen und rund fünf Kilometer ins Landesinnere gespült wurde. Auf dieser Höllenfahrt zermalmte das schwere Teil Häuser und Autos und begrub viele Menschen unter sich.
Trümmer, Leichen und Schlamm füllten Strassen; Küstenorte wurden ausradiert. In Banda Aceh starben etwa 25.000 Menschen, in der Provinz Aceh, etwas grösser als die Schweiz, kamen 120.000 Menschen um. Insgesamt mehr als 230.000 starben in den 14 betroffenen Ländern rund um den Indischen Ozean.
Schwierige Jahre vorher und nachher
Aceh hatte schwierige Zeiten hinter sich, als die Fluten kamen. 1976 war die Rebellenbewegung Freies Aceh gegründet worden und führte einen Guerillakrieg gegen Regierungsvertreter und Militär, um die Unabhängigkeit der Provinz zu erzwingen. Die indonesische Armee reagierte mit Gewalt. Es gab etwa 15.000 Tote, mehrere Friedensverhandlungen scheiterten.
Mit heute mehr als 280 Millionen Einwohnern steht Indonesien an vierter Stelle der bevölkerungsreichsten Länder der Welt und an erster Stelle der muslimischen Länder. In Aceh wird ein Islam praktiziert, der viel strenger ist als anderswo in Indonesien. Dieser Unterschied spielte im Befreiungskampf eine wichtige Rolle; noch wichtiger war, dass Aceh sich von der Zentralregierung in Jakarta unterdrückt und bei der Verteilung der Einnahmen aus Acehs reichen Öl- und Gasvorkommen benachteiligt fühlte.
Der Tsunami war die Zäsur: Das erlebt der Besucher eindrücklich im modernen, geschickt inszenierten Tsunami-Museum. Hier wird einerseits architektonisch versinnbildlicht, was der Tsunami bedeutete: Besucher laufen durch einen schwach beleuchteten Gang, der die maximale Höhe der Flutwelle nachempfinden lässt. Auf elektronischen Tafeln werden die Erlebnisse nachgestellt. An den Wänden eines diskret beleuchteten, kapellenartigen runden Raum sind die Namen von Tausenden von Opfern vermerkt.
Foto: Artur K. Vogel
Fingerzeig Gottes
Doch das Museum, so modern es sein mag, repetiert auch die Behauptung, welche Politiker und muslimische Würdenträger verbreiteten: Der Tsunami sei eine Strafe Gottes für den liederlichen Lebenswandel der Acehnesen. Nur eine Rückkehr zum Glauben könne weitere Katastrophen verhindern. Dass die Grosse Moschee, die Masjid Raya Baiturrahman, erbaut 1873, als einziges Gebäude innerhalb einer riesigen Trümmerlandschaft stehengeblieben war, wurde als Fingerzeig Gottes interpretiert.
Foto: Artur K. Vogel
Tatsächlich kam Mitte August 2005 ein Friedensvertrag zwischen dem indonesischen Staat und den Rebellen zustande. Aceh verzichtete auf die Unabhängigkeit, erhielt aber einen Sonderstatus mit dem Recht auf Selbstverwaltung. Ausgenommen sind nur Aussenpolitik, Verteidigung, Justiz und die Geld- und Steuerpolitik. Zudem darf Aceh 70 Prozent der Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung auf seinem Territorium und dem dazugehörigen Seegebiet behalten und eigenständig Aussenhandel betreiben.
Vor allem aber wurde die Einführung der Scharia rechtlich verankert, der islamische Gesetzeskomplex, der auf dem Koran und den Überlieferungen des Propheten Mohammed basiert.
Wie die Scharia durchgesetzt wird
Was die Durchsetzung der Scharia konkret bedeutet, habe ich in den Tagen in Banda Aceh eindrücklich erlebt, ganz abgesehen davon, dass es keinen Alkohol gibt und praktisch alle Mädchen ab etwa acht Jahren und alle Frauen mit Kopftüchern verhüllt sind. Ganz so strikt wie Saudi-Arabien ist man hier nicht: So gibt es zum Beispiel einige Kirchen.
An einem Freitag kurz vor dem Mittagesgebet traf ich auf einer Marktstrasse hinter der Grossen Moschee auf eine siebenköpfige Patrouille von Scharia-Polizistinnen. Eine von ihnen sprach ziemlich gut Englisch (was in Aceh eine Seltenheit ist). Ihre Aufgabe sei, «die Männer in ihren Läden zu ermuntern, in die Moschee zu kommen», sagte sie. (Das Freitagsgebet ist für Muslime obligatorisch, für Musliminnen nicht.) Nein, beantwortet sie meine Frage, für Säumige habe das vorerst keine Folgen. «Wenn einer aber drei-, viermal erwischt worden ist…» Sie lässt die Konsequenzen offen.
Foto: Artur K. Vogel
Diese erlebe ich, als ich, zu Fuss unterwegs von der Moschee zum Tsunami-Museum, am Zentralpark vorbeikomme, dem Taman Sari. In der Mitte des Parkes steht eine riesige, offene Event-Halle mit grosser Bühne. An deren Rand kniet eine ganz in weiss gehüllte Frau. Sie wird von einer anderen Frau, die ein braunes, bodenlanges Kleid, ein braunes Kopftuch und einen beigen Gesichtsschleier trägt, der nur die Augen freilässt, mit einer langen Rute auf den Rücken geschlagen. Eine männliche Stimme zählt über Lautsprecher die Schläge: «vierzehn, fünfzehn, sechzehn…».
Foto: Artur K. Vogel
Strafe für Sex, Alkohol, Glücksspiel
Abends komme ich im Restaurant Daus in der Nähe meines Hotels mit einer jungen Frau – schwarzes bodenlanges Kleid, schwarzes Kopftuch, ins Gespräch. Sie heisst Icha, ist 28 Jahre alt, stammt aus Jakarta und arbeitet hier im Restaurant «Daus». Fahrurrazi, Ichas Cousin, kommt hinzu. Er hat in Medina, der zweitheiligsten Stadt der Muslime in Saudi-Arabien, Scharia-Recht studiert, dann aber das Restaurant seines Vaters Firdaus übernommen, als dieser 2021 starb.
Foto: Artur K. Vogel
Ich erzähle den beiden von der Prügelstrafe, deren Zeuge ich geworden bin. Icha ist zwar gläubige Muslimin, «ich trage sogar im Fitness-Studio ein Kopftuch», sagt sie lachend. Doch dieser Art öffentlicher Demütigung kann sie nichts abgewinnen. Fahrurrazi erklärt, wofür man die erniedrigende Strafe erhalten kann: vorehelicher oder gleichgeschlechtlicher Sex, öffentliche Liebesbezeugungen zwischen Unverheirateten, Verkauf oder Konsum von Alkohol, Glücksspiel. «Als unverheiratetes Paar kannst du problemlos hier im Lokal sitzen», sagt Icha. Aber wenn du in der Nacht irgendwo erwischt wirst, dann hast du Pech gehabt.»
Was würde ich Hans aus Dänemark berichten, wenn ich ihn nochmals sähe? Ich wurde von niemandem feindselig behandelt. Schwierigkeiten gab es bei der Verständigung, weil ich natürlich kein Indonesisch kann und die meisten Acehnesen kein Englisch. Weil es hier kaum Touristen gibt, weckt man als Europäer Neugier, vor allem bei Kindern. Es treten aber auch spontan Leute auf einen zu und schütteln einem die Hand. Im Tsunami-Museum bittet mich eine Frau um ein Selfie mit ihrer Mutter, im Museum PLTD Apung ein Vater um ein Foto mit seinem Nachwuchs.
Foto: Artur K. Vogel
Nein, ich habe mich, ausser vielleicht bei der öffentlichen Auspeitschung, keinen Moment unwohl gefühlt. Und dafür, dass ich keinen Alkohol bekommen habe, nur Wasser, Fruchtsäfte und Kaffee, hat mir meine Leber einen Dankesbrief geschrieben.
Travel Basics
Hinkommen Tägliche Flüge von Kuala Lumpur, Singapur und Jakarta nach Banda Ace.
Reinkommen Für die Einreise nach Indonesien ist ein Visum nötig, das man online oder beim Grenzübertritt erhält. (Im zweiten Fall kostet es 500.000 Indonesische Rupien oder rund 22 Franken; es kann mit Kreditkarte bezahlt werden.) Zudem muss online eine Arrival Card ausgefüllt werden. Achtung: Unbedingt die offizielle Webseite nutzen, wo die Arrival Card gratis zu haben ist: allindonesia.imigrasi.go.id/ Wer über Google einsteigt, gerät zuerst an private Anbieter, die Phantasiepreise verlangen.
Rumkommen Sumatra ist mit Überlandbussen, Minibussen und Inlandflügen gut erschlossen (buchbar über die Apps von redbus oder easybook). Die Insel ist riesig; Busfahrten können unendlich lange dauern. Für Ausflüge mietet man Motorroller (Linksverkehr!), Taxis (Grab) sind ebenfalls sehr preisgünstig.
Reisezeit Die beste Reisezeit für Sumatra sind die vergleichsweise trockenen Monate April bis September. Von Mitte Oktober bis März herrscht Regenzeit; es kann zu Tropenstürmen, heftigen, andauernden Niederschlägen, Überschwemmungen und damit zu Verkehrsunterbrüchen kommen.
Journalist, Buchautor und Reise-Connoisseur – ehemaliger Auslandkorrespondent des Tages-Anzeigers (London, Nahost) und Chefredaktor des Berner «Bund», bereiste über 70 Länder auf allen Kontinenten.