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Der Weinbau erobert den Norden

Noch vor wenigen Jahren undenkbar, heute Realität: Nördlich des 51. Breitengrads entstehen neue Weinregionen. Zwischen Ostsee und Skandinavien profitieren Winzer vom Klimawandel und etablieren mit Cool-Climate-Weinen eine neue Generation europäischer Weine.

Fünen in Dänemark, Skåne in Südschweden und Usedom in Norddeutschland – Orte, die man bislang mit Dünen, Fischrestaurants und Sommerfrische verbindet und nicht mit Rebstöcken, Winzern und Weinlesen. Doch genau hier entsteht eine neue Weinlandschaft in Europa. Noch vor wenigen Jahrzehnten hätte kaum jemand geglaubt, dass nördlich des 51. Breitengrads vielversprechende Weinregionen entstehen könnten.

Die Klimaerwärmung bringt nicht nur Risiken, sondern mitunter auch Chancen. In klassischen Weinbauländern wie Frankreich oder Italien erschweren steigende Temperaturen den Anbau vieler Rebsorten. In Dänemark, Schweden und Deutschland eröffnen sie dafür neue Möglichkeiten.

Für Reisende heisst das: neue Ziele abseits der bekannten Routen und Weinerlebnisse, die sich perfekt mit Küstenlandschaften, regionaler Küche und entspanntem Reisen im kühlen Norden verbinden lassen.

Die Rückkehr der Cool Climate Weine

Streng genommen gab es Weinbau im Norden schon einmal. Um 900 vor Christus herrschte in Europa eine ungewöhnlich milde Warmzeit. Damals besiedelten die Wikinger Grönland. In Schottland wuchs Wein von unbekannter Qualität. Mehr als 1000 Jahre später begannen die ersten Winzer in Südschweden, aus der robusten Rebsorte Solaris Weisswein zu erzeugen. Im Norden reifen die Trauben in rund 100 Tagen. Die Reben blühen im April und werden von Ende September bis Anfang Oktober gelesen. Solaris ist die am häufigsten angebaute pilzwiderstandsfähige Rebsorte, kurz PIWI. Winzer setzen bewusst auf Nachhaltigkeit, kleine Mengen und ein Terroir, das Meer, Wind und Licht formen. Genau das bestimmt den Charakter dieser Weine: frisch, präzise, oft mit moderater Alkoholstruktur und lebendiger Säure.

Weingut in Dänemark

Foto: Georg Berg (Weinanbau auf Fünen)

Winzer im Kurzportrait

Auf der deutschen Ostseeinsel Usedom, in der schwedischen Region Skåne und auf der dänischen Insel Fünen arbeiten Winzerfamilien, die mit Fachwissen, Innovationsgeist und Engagement hochwertige Weine erzeugen. Sie alle bieten Weintastings vor Ort an.

Die Kühnen Sieben von Welzin

In Welzin auf Usedom pflanzte Christoph Kühne-Hellmessen den ersten Inselwein. Mildes Klima, maritime Sommer und eine stetige Brise begünstigen PIWI-Reben. 2021 entstand der Erstjahrgang: ein Gemischter Satz aus sieben Sorten, vereint zu einem Naturwein. Verwendet wurden Sauvignac, Muscaris, Solaris, Rinot, Ravel blanc, Soreli und Fleurtai. 1900 Sonnenstunden, Böden aus Endmoräne und die Nähe zur Ostsee schaffen überraschend gute Bedingungen. Eine Degustation lässt sich hier ideal mit Radtouren entlang der Küste oder einem Aufenthalt in den Kaiserbädern kombinieren. www.gut-welzin.de

Thora Vingård in Schweden

Nahe dem Ferienort Båstad in Skåne im Süden des Landes führen Johan und Heather Öberg das Familienweingut Thora Vingård. 2014 suchten sie mit ihren vier Söhnen einen Ort für Familie und Freunde, fanden einen verlassenen Hof und wagten den Cool-Climate-Anbau. Lange Sommertage und kühle Nächte lassen die Trauben langsamer reifen. Zum Weingut gehören eine Weinboutique und ein Restaurant mit gehobener Küche. Für Reisende ist die Region ein Geheimtipp zwischen Küste, Natur und nordischer Gastronomie. www.thoravingard.com

Weingut Stokkebye aus Dänemark

Auf Fünen liegt das Weingut Stokkebye von Jakob und Helle Stokkebye. Sie gehören zu den Pionieren des dänischen Weinbaus. Jakob, gelernter Butler und Sommelier, pflanzte 2009 die ersten Reben. Der ausgezeichnete Weisswein Livia zählt zu Dänemarks besten. Die Reben wachsen nur einen Kilometer vom Meer entfernt auf kalkhaltigem Boden. Warme Tage und kühle Nächte fördern komplexe Aromen. Jährlich gehen 20.000 Flaschen an mehr als zwanzig Michelin-Restaurants. Besucher erleben hier eine Kombination aus Wein, dänischer Designkultur und entspannter Inselatmosphäre. www.bystokkebye.com

Weinanbau im Norden

Foto: Georg Berg (Johan Öberg, Thora Vingård) 

Die Zukunft des nordischen Weinanbaus

Nordische Regionen sind noch wenig für ihren Weinbau bekannt, gerade das macht jedoch den Reiz aus. Die Weingüter sind klein, die Begegnungen persönlich, Verkostungen finden oft dort statt, wo der Wein entsteht: zwischen Reben und Hofläden. Gleichzeitig sind die Regionen eingebettet in attraktive Reiseziele: Ostseeküsten, Radwege, Nationalparks und eine zunehmend innovative Gastronomieszene. Die Geschichten der drei Winzer zeigen, wie der Weinbau in Nordeuropa neue Wege geht. Mit Wissen und Leidenschaft erzeugen sie Weine, die ihre nordische Herkunft, die Nähe zum Meer und das Licht der langen Sommertage widerspiegeln.

Der Norden wird den europäischen Weinbau verändern, nicht als Ersatz für Bordeaux oder die Toskana, sondern als Ergänzung. Investoren und Fachkräfte richten ihren Blick bereits nach Skandinavien. Johan Öberg berichtet, dass sie für die Arbeit auf Thora Vingård eine Stelle für ein Önologenpaar ausgeschrieben haben. Im Winter sei es dort zu dunkel, zu einsam und Gesellschaft nötig. Die Resonanz habe überrascht: 60 Paare wollten ihr Winzerglück im Norden versuchen. Es bleibt spannend, wie sich diese Regionen entwickeln.

Weinanbau im Norden

Foto: Georg Berg (Jakob Stokkebye)

 

Aufmacherbild:

Foto Georg Berg, Angela Berg beim Weintasting mit Winzer Christoph Kühne-Hellmessen auf Usedom.

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